Richard Dawson – Heavy / Feature & Ticketverlosung

Foto: Kuba Ryniewicz

Die Paarung Mann und Gitarre wurde lange nicht so gründlich zerlegt wie von Richard Dawson. Nach einigen Platten mit Berserker-Folk hat der passionierte Kauz und Einzelkämpfer aus dem nordöstlichsten Zipfel Englands jetzt ein geradezu soziales Werk aufgenommen: Peasant zeichnet das Panorama einer Gesellschaft, die am Ende ist, aber noch hofft, warum und worauf auch immer. Dawson lud viele Freunde zum Mitmusizieren ein – und SPEX zu sich nach Hause: in eine Welt ohne Konturen, aber mit Umzugskartons und Zauberkräften. Anlässlich seines einzigen Deutschland-Konzerts am 29.11. in Berlin ist der erstmals in SPEX No. 375 erschienene Text nun auch in voller Länge online zu lesen. Außerdem verlosen wir Karten für die Show in der Berghain Kantine.

Richard Dawson hat Drehtüren im Kopf. Überall wähnt er Pforten, die sich schließen, Zyklen, die zu Ende gehen, Dinge, die stranden, versanden, abkacken. Manchmal glaubt man, von außen zu erkennen, wie es da drinnen rotiert. Etwa, wenn Dawsons fast ansatzlos auf eine untersetzte Gestalt montierter Kopf zur Seite schlackert und der Blick in eine unergründliche Leere fokussiert. „Die Erforschung der Elementarteilchen hat gezeigt: Dinge können gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein“, sagt Dawson über einer Tasse Milchkaffee, und man fragt sich, wo er zur selben Zeit sonst noch sein mag. „Wir nehmen das Universum nur so wahr, dass wir fähig sind, das Schiff einigermaßen sicher durchzusteuern. Aber das ist nicht das ganze Ausmaß der Wirklichkeit, wir kratzen gerade mal an der Oberfläche. Sonst würden wir verrückt werden, und es würde unsere Körper in Stücke reißen.“

Dawson lacht laut auf. Der Körper unter seinem auffällig runden Kopf droht gerade, in Pappkartons unterzugehen. Er steckt mitten in einem Umzug. Trotzdem heißt er einen bereitwillig willkommen in einem Heim, das schon wenige Tage später sein ehemaliges sein wird. Das Reihenhaus, das er in Newcastle upon Tyne im äußersten Nordosten Englands mit drei Mitbewohnern teilt – sie sind wie er selbst offensichtlich künstlerisch, bastlerisch und sammlerisch veranlagt –, macht auch nicht den Eindruck, als würde es sonst groß anders aussehen. Die Wände sind zugepflastert mit selbst gemalten Bildern, übervollen CD-Regalen, Platten und sonstigem Klimbim. Dawson setzt nach hartem Kampf mit den defekten Armaturen der beeindruckend abgewohnten Küche Teewasser auf, verschwindet kurz und holt irgendwo aus dem Chaos ein Bild hervor, eine Collage, an der er nach eigenem Bekunden ziemlich lange gearbeitet hat. Man studiert das Werk eine Weile gemeinsam, dann meint er: „Ein Desaster. Grässlich, nicht wahr?“

„Wir kratzen gerade mal an der Oberfläche der Wirklichkeit. Sonst würden wir verrückt werden, es würde unsere Körper in Stücke reißen.“

Es ist nicht so, dass Dawson schöne Dinge hasst. Aber was er macht, lebt davon, dass er das Hässliche nicht einfach nur zulässt, sondern mit bloßen Fingern in Scheiße wühlt, sich mit der ganzen Wucht seiner kompakten Gestalt hineinstürzt in den Abschaum der Menschheit. Seine Platte The Magic Bridge von 2011 setzt mit einem Raubüberfall ein und kulminiert wenige Zeilen später im Bild eines Himmel- oder eher Höllenhundes, der den gesamten Planeten einpisst. Dazu hängt das „Parfum des Todes“ in der Nachtluft. Stoff für Legenden oder zumindest für Veterinärgeschichtsbücher ist der Song „Poor Old Horse“ auf dem Album The Glass Trunk, der detailliert beschreibt, wie ein paar Gesellen versuchen, einen alten Gaul zu schlachten – mit mäßigem Erfolg. Dawson trägt das Klagelied allein mit seiner Stimme vor und holt dabei das letzte bisschen markerschütternde Intensität aus seiner Kehle, dem Organ der 1000 dreckigen Facetten, Register und Falsettos.

Mit dem Geschrei ging es 1981 los. Dawson kam in Newcastle als drittes von drei Geschwistern zur Welt. Es war eine schwere Geburt, lebensbedrohlich für Mutter und Kind. Auch zu dieser Episode gibt es einen Song: „Nothing Important“ vom gleichnamigen Album, das Ende 2014 Dawsons Durchbruch markierte. Er veröffentlichte es beim Domino-Sublabel Weird World, landete auf dem Titel der britischen Zauselbartzeitschrift Wire und tourte auch auf dem europäischen Festland durch Kneipen mit Platz für 50 bis 150 Personen. Seinen Job in einem Plattenladen hatte er da bereits aufgegeben, zu Hause war er längst eine lokale Weirdo-Folk-Sensation und spielte mehrmals im Monat in Pubs und Theatern.

Dawson hat sein ganzes bisheriges Leben in Newcastle verbracht, einer ehemaligen Industriestadt, die heute auf Wissenschaft, Sport und Kultur als Wirtschaftsfaktoren setzt, dem Anschein nach recht erfolgreich. Manchmal komme es ihm so vor, als sei jeder Stein ringsum beladen mit schlechten Erinnerungen, sagt Dawson bei einem Spaziergang durch sein Wohnviertel, mit amourösen Blamagen und sonstigen emotionalen Enttäuschungen. So, wie er das sagt, mit diesem rostigen, rasselnden Schnarren in der Stimme, hat man nicht unbedingt den Eindruck, dass er sich mit dem biografischen Ballast auf den Schultern besonders unwohl fühlt. Eher denkt man: Alles klar, der mag’s heavy.

Dawson hat ein Problem: Er ist einfach nur ein Typ mit Klampfe, der singt. Aber er hat zwei Trümpfe: seine Gitarre und seine Stimme. Als Kind hörte er die Iron-Maiden-Platten der großen Schwester rauf und runter, spielte seine Bad-Kassette von Michael Jackson in Dauerschleife, träumte davon, heimlich Papas Gitarre zu malträtieren, bis er mit zwölf Jahren eine eigene bekam, erste Songs schrieb und sich in Bands als Mike-Patton-Imitator versuchte. Später verlegte er sich darauf, musikalische Konventionen zu pulverisieren. Er verbiegt und zerhackt Akkorde, zerschreddert Songstrukturen, schreit, flüstert und johlt dazu, dass man meint, der verschluckt gleich seinen Kehlkopf. Es grenzt an ein Wunder, dass Dawsons Instrument, eine geschundene Akustikgitarre in Spielzeuggröße („damit ich aussehe wie ein Riese“), unter der Last ständigen Missbrauchs noch nicht nachgegeben hat. Wobei: Das hat sie längst, wie Dawson in seinem Musikzimmer zwischen Umzugskisten und Plastiktüten voller Papierkram erzählt. Die Gitarre verdanke ihren besonderen Klang dem Umstand, dass sie am Anfang ihres Daseins kaputtgetreten wurde: „Ich habe sie bei einem Gig auf der Bühne liegen lassen, und Nev Clay, ein in Newcastle sehr einflussreicher Singer-Songwriter, ist aus Versehen darübergetrampelt. Ein Bastler hat dann eine neue Decke auf den alten Korpus montiert, und dadurch wurde dieses Billiginstrument mit geradezu lächerlichem Aufwand an Handwerkskunst veredelt. Echt lustig.“

So stand am Anfang von Dawsons Sound die Zerstörung. Noch immer ist in dieser Musik alles ständig auf der Kippe. Aus Zartheit wird unvermittelt Brutalität, ein unschuldiger, heller Ton wird im nächsten Moment ins Derbe verschliffen. Der Mann kennt keine Grenzen. Tatsächlich lebt er in einer Welt ohne scharfe Konturen: Dawson leidet an einer angeborenen Netzhautspaltung, die seine optische Wahrnehmung konstant schillern lässt. Er beschreibt das wie einen Blick durchs Aquarium oder in eine verstaubte Schneekugel. Objekte nimmt er ohne harte Außenlinien wahr, alles fließt ineinander. „Ich interessiere mich für Unschärfe und dafür, wie man verschwommene Ideen ausdrücken kann, Dinge, die undefinierbar sind“, erklärt er. „Im Internetzeitalter ist alles total binär, es ist entweder gut oder böse. Das ist nicht sehr gesund. Und nicht sehr wahr.“

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