Review: Wilco Kicking Television – Live In Chicago

Es war ein gutes Jahr für Jon Stirratt, Glenn Kotche, Mikael Jorgensen, Nels Cline, Pat Sansone und Bandleader Jeff Tweedy. Ihr 2004er Album »A Ghost Is Born«, Wilcos Kraut&Rock-Achterbahnfahrt, wurde zurecht mit zwei Grammys ausgezeichnet und die beiden Backkatalog-Alben »Yankee Hotel Foxtrot« und »Being There« erlangten Gold-Status in den USA. Der gerechte Lohn für nun etwas mehr als zehn Jahre Bandbestehen.
    Ganze fünf Wilco-Alben und zwei Kollaborationen mit Billy Bragg entstanden in der Zeit nach dem Ende von Tweedys Vorgängerband Uncle Tupelo. Während andere Bands mit einer ähnlichen Biografie (Besetzungswechsel, Depressionen, Labelrauswurf, ein Neuanfang, Drogenprobleme und erfolgreiche Rehabilitation) zwischendurch mindestens zwei Best Of-Platten rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft veröffentlichen, entschieden sich Tweedy und die Plattenfirma für ein Live-Album. Es sei ihnen gedankt, scheinen Wilco 2005 doch an einem Punkt angelangt zu sein, wo ihre Erfahrung, der ungebremste, aber dezente Experimentierwille und das schlafwandlerische Wissen um die Zusammenhänge zwischen Avantgarde, Folk, Country und Soul im Rock nahezu perfekt umgesetzt werden. Vor allem: auf der Bühne.
    Auf zwei CDs wählten sie von ihren vier Konzerten zwischen dem 04. und 07. Mai 2005 im Vic Theatre in Chicago mit dem grandios umgesetzten Opener »Misunderstood« gerade mal einen Song von den ersten beiden Alben (genauer von »Been There«) und nur zwei Stücke vom 99er Album »Summerteeth« aus, womit der Schwerpunkt eindeutig auf Material aus diesem Jahrtausend liegt: sieben Songs von »Yankee Hotel Foxtrot« und ganze zehn von »A Ghost Is Born«, der im letzten Jahr veröffentlichten Zusammenarbeit mit Jim O'Rourke (mit dem Tweedy ja auch die Band Loose Fur betreibt). Gerade in diesen Stücken zeigt sich die Virtuosität der Liveband Wilco. Zwei andere Höhepunkte stellen des Weiteren zwei Tracks aus den Billy Bragg-Sessions dar: »One By One« und »Airline To Heaven«.
    ghostDen Abschluss bildet mit »Comment (If All Men Are Truly Brothers)« die Coverversion eines Charles Wright-Songs. Nicht erst die Übersetzung des Spätsechziger-Funks in dieses Konzert im Mai 2005 raubt einem fast den Atem. Die meisten der restlichen 21 Stücke dieses fulminanten Albums ebenso. Und hat man das eigentliche Jewelcase erst aus der das Plastik ummantelnden Papphülle gezogen, darf man sich auf dem Bonus-Innencover außerdem an einem der schönsten Livebilder überhaupt erfreuen. Aber vielleicht gehen jetzt auch alle Gäule mit mir durch … die Subjektivitätshölle. Hier bei mir im Wohnzimmer, live in Chicago.

LABEL: Nonesuch

VERTRIEB: Warner Music

VÖ: 14.11.2005

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