Review: Tiny Vipers Hands Across the Void

Ein Seenpanorama bei Nacht, dunkelblauer Himmel, im Hintergrund schwarze Berge, tiefschwarzer Wald. Im Vordergrund des Bildes kauert eine Frau am Ufer, eine Lichtquelle in der Hand haltend. Jesy Fortino liebt solche Aufnahmen von sich in der Einsamkeit: Jesy allein unter einer Baumgruppe in den Himmel blickend. Jesy auf einem bemoosten Stein am Froschweiher. Jesy in eine dicke Jacke gehüllt vor einer Schlucht. Es sind die perfekten Bilder zur Musik von Tiny Vipers, zu Songs wie »Campfire Resemblance«, »Forest On Fire« oder »Shipwreck«, die sich auf der Debüt-EP »Hands Across the Void« finden. Wüsste man nicht, dass die sieben Akustikstücke in einem kleinen Studio in Seattle aufgenommen wurden und wären nicht einige mit einem Uralt-Synthesizer verfeinert, man könnte meinen, sie wären wirklich live vor Ort eingespielt, irgendwo in der wilden Natur im Nordwesten der USA, der Heimat der 24-jährigen Musikerin, die seit zweieinhalb Jahren von einem Live-Club zur nächsten Bar zieht. Jesy allein mit Westerngitarre an einem See oder im Schneidersitz auf einem Baumstamm, konzentriert über ihre Gitarre gebeugt – solche Bilder sind es dann auch, die beim Hören der Platte wie eine Fototapete den Raum füllen.
 
    Die selbsterklärte Autodidaktin spielt dabei derart verträumt und in sich versunken vor sich hin, als hätte sie beim Einspielen die Anwesenheit des Tontechnikers gar nicht bemerkt. Sie nimmt sich alle Zeit der Welt, die man eben benötigt, um aus verirrten Gefühlen klare Gedanken werden zu lassen, Fragen zu formulieren, um eine Antwort heraufzubeschwören:: »If I would let you into my heart / would you thank the Lord / would you tear it apart?« heißt es etwa leitmotivisch in »Swastika«, das sich mit beinahe elf Minuten Länge und einer Unterteilung in drei Teile zum Folk-Epos auswächst. Doch das ist noch vergleichsweise wenig: Bevor Fortino als Tiny Vipers von Sub Pop unter Vertrag genommen wurde, veröffentlichte sie im Eigenvertrieb ihre CDs. Eine bestand lediglich aus einem einzigen Song von 30-minütiger Spielzeit.
 
    Von »Cute Girl Folk« ist im Zusammenhang mit Tiny Vipers immer wieder zu lesen, doch Fortino will genauso wenig ›cute girl‹ wie ›Female-Singer/Songwriter‹ sein, auf Genderfragen reagiert sie allergisch. Musik ist ihrer Meinung nach Kunst, nicht ›männlich‹ oder ›weiblich‹. Dennoch ist die Nähe zu Joanna Newsom natürlich weitaus größer als etwa zu Ryan Adams – nicht nur aufgrund der gleichen Frisur im Prinz Eisenherz-Stil.

LABEL: Sub Pop

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 27.07.2007

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