Review: Tim Fite Gone Ain’t Gone

Er sieht aus wie ein frisch gepelltes Ei mit dunklem Haarschopf. Calimero also, die Fleisch gewordene Gestalt der 80er-Jahre-Cartoon-Figur aus der Feder Antonio Pagottos. Geht man nach der Historienkammer, aus der Tim Fite sein sonisches Material bezieht, so müsste er anstelle des Sombreros einen standesgemäßen Cowboyhut tragen. Denn dieser Kerl, der als Landei aufgewachsen ist und mittlerweile in NYC lebt, arbeitet sich an Material ab, das Dolly Parton, den Cowboy Junkies, Johnny Cash, aber auch Skinny Puppy und Chuck D den Mund wässrig machen würde. Bei aller folkistischen Durchdringung und all den Anleihen an Urtypen nordamerikanischer Songkultur handelt es sich nicht um einen neuen (Anti-)Folk-Heroen der Gattung Jeffrey Lewis. Ein Foto auf Fites Website weist den Weg: Arm in Arm und buddylike grinsend steht er da? mit einem bizarr frisierten Ice T. Und schon können das »If I Had A Copshow«-Intermezzo, Sirenensample inklusive, Blaupausen-Hardcore-Gitarren und die kecke Brechung in Lyrics und Vortrag nicht mehr anders gehört werden denn als Verneigung vor einem, man darf wohl sagen, Klassiker. Die Landpomeranze Fite ist Hiphop-Head der ersten Stunde, hat, post teen, Hardcore und Punkrock nicht verschmäht und führt nun eine seltene Kommunion aus Ur-Country und eben Genanntem zusammen. Was die Methodik seiner Arbeit angeht, segelt Fite hart an den Gepflogenheiten eines Hiphop-Produzenten: Vocal-entkernte und neu konfigurierte Instrumental-Samples, die er aus einem unüberschaubaren Flohmarkt-Fundus billigst zusammengekauft hat, geben das Knochengerüst jedes Songs; das Fleisch arrangiert er mit eigener Stimme, drums´n´guitar hinzu.
    Anders als bei üblichen Schlafzimmer-Produzenten sind die Genre-Brüche, die Fite provoziert, so butterweich, als hätten Beats´n´Breaks, Hardcore-Riffs und Country-Shanties schon immer in trauter Union existiert. Sein Debüt ist in bester Singer/Songwriter-Manier narrativ, führt organische Piano Loops mit Rythm&Blues-Beats zusammen, liefert strahlenden Pop (»No Good Here«, »Shook«), behauptet Konzeptalbum (Was war zuerst: Verbrechen oder Gesetz? Das Gesetz!) zu sein, um sich im nächsten Moment von jeder allzu strikten Verbindlichkeit freizuschwimmen. Die unbefangene Musikalität, mit der Tim Fite ans Werk geht, erinnert an Gonzales, abzüglich Brusthaar-seliger Prankster-Ambitionen und Möglichkeiten. Fite ist ebenso schmalbrüstig wie die gesammelten Anticon-Jungs, die sich eher gut als schlecht an ähnlichen Brüchen und Genre-Verwerfungen abarbeiten, deren Musik im Vergleich zu Fite aber einigermaßen blass und eindimensional dasteht.
    Es ist Fites Debüt, sein erster Vertrag. Fingernägel kauen dürfte er kaum, eher wohl an einem Comic oder einer Geschichte über die Ruhe vor dem Tag X arbeiten. Auch das kann der talentierte Mann. Zu sehen unter www.timfite.com.

LABEL: Anti

VERTRIEB: Anti

VÖ: 12.09.2005

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