Review: The Streets A Grand Don’t Come For Free

Im Grunde möchte ich mich heute und an dieser Stelle nur bedanken. Nein, nicht bei unseren Sponsoren, Anzeigenkunden oder Lesern. Auch nicht bei meiner Plattenfirma, meinem Management, meinen Eltern oder Gott. Sondern ausschließlich und von Herzen (auf Widerruf) bei Mike Skinner: Danke.

    Für ein zweites The Streets-Album, das mich nicht eine Sekunde lang enttäuscht hat. Für das Vermeiden eines aufgeblähten, mit sauviel Kohle, Gastsängerinnen und Riesenstudio verpfuschten Zweitlings. Stattdessen für das billige Scheppern aus dem Laptop, den schiefen Gesang und das Scheißen-auf-die-Metrik-und-die-Harmonien-gleich-mit. Für den eigenen Kopf, den es zu behalten galt, angesichts eines der größten Hypes der jüngeren Popgeschichte im Mutterland der größten Hypes der gesamten Popgeschichte. Für die Verweigerungshaltung, jemand anderes zu sein als der, der man ist – und etwas anderes zu machen als das, was man am besten kann. Für ein weiteres wertvolles Stück Jugend – und Jungskultur, in Zeiten, in denen es Menschen gibt, die ernsthaft meinen, so etwas sei gar nicht mehr möglich. Für die beste Platte, die man momentan hören kann, wenn man lost, fucked, pissed oder in love ist. Für die beste Platte, die man momentan hören kann, deren Sound so universell urban ist, dass man danach seine Stadt und sein Leben darin mit anderen Augen sieht. Für den Beweis, dass sich Härte und Romantik nicht ausschließen müssen, weder verbal, noch musikalisch, noch im Leben. Für einen weiteren (nach »Weak Become Heroes«) fantastischen Song aus der Zwischenwelt der Rave-Kultur, »Blinded By The Light«, der mich zu Tränen gerührt hat. Für den lustigsten und smartesten Pubrocksong, »Fit But You Know It«, seit ungefähr The Clash. Für den coolsten zeitgenössischen BEAT, in: »Not Addicted«, der nicht versucht, die Neptunes oder Timbaland zu kopieren. Für das unangestrengteste Konzept-Album, seit es Konzept-Alben gibt. Für die darin erzählte Geschichte, die hoffentlich (nicht) eines Tages von Danny Boyle verfilmt werden wird. Für die Art und Weise, wie sie erzählt wird. Für die momentan schönste europäische Sammlung an Pop-Neologismen. Für Echtheit ohne Realness-Terror, Sexyness ohne Körper-Terror und Politik ohne Parolen und umgekehrt. Aber auch für den Quatsch, den Fake, den Spaß, den Hype – und vor allem die Fehler. Jeder einigermaßen kluge Mensch ist schließlich immer unsicher.

LABEL: WEA

VERTRIEB: WEA

VÖ: 10.05.2004

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