Review: The Knife Silent Shout

2006 ist alles so anders. Winter, Politik und Medien treiben ihre Kapriolen. Hier und da leuchten die Begriffe »Schneechaos« und »Rentenangst« in großen Lettern vom Boulevard herunter. Die soziale und reale Kälte hat Deutschland schön fest im Griff, so kurz vor dem Frühling. Und genau durch diese Post-Januar-Stimmung schallt ein stiller Schrei, so plump und dennoch treffend kann man es jedenfalls formulieren. In Kälte, Berechnung und Distanzierung gehüllt, geradlinig und markdurchdringend schlagen Karin und Olof Dreijer im Großhirn ein, besetzen Synapsen, schalten und spalten selbige.

    So konstruiert und verschachtelt »Silent Shout« beim ersten Hören auch klingen mag, so sehr verteilt sich die Spannkraft dieses Albums während der nächsten Durchläufe. Throw Björk, Kraftwerk, Whitey und Mylo in a trench and stick a monument on top, dann nimm ihnen an angebrachter Stelle den Bass weg und lass sie experimentieren. Heraus kommt dann etwas wie »We Share Our Mother´s Health«, ein ungerader Haufen Bleep-Bleep, durchdrungen von verzerrten Vocals und tanzbar wie nichts Gutes.

    »Silent Shout« lebt von diesen Spannungsbögen zwischen ruhig und ekstatisch, von dem ständigen Auf und Ab. Ganz anders als noch 2003, als an »Deep Cuts« nur schwer ein Vorbeikommen war und Schweden wieder den Aufbruch Richtung Tanzmusik wagte. Apropos Tanzmusik: »Neverland« wummert gewaltig unter den Füßen vorbei. »Marble House« glänzt statt mit Calypso-Trommeln mit Kastagnetten, flächigen Synthies und Downtempo-Beat. Und der Titelsong selbst wird dem Genrebegriff »Minimal« wohl mehr als gerecht, nicht ohne düster und treibend gleichzeitig zu sein.

    Dem Geschwisterpaar Dreijer ist nach dem farbenfrohen Debüt »Deep Cuts« ein kühler Kompromiss von Weiterentwicklung und Beständigkeit gelungen. Das Messer schneidet durchs Mark, ohne Lähmungen zu verursachen. Ganz im Gegenteil.

LABEL: Rabid / Cooperative Music

VERTRIEB: RTD

VÖ: 17.03.2006

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