Review: The Dresden Dolls The Dresden Dolls

Was schreiben über eine Band, die ich vor nicht einmal einer Woche zum ersten und bisher einzigen Mal live gesehen habe – und die mich komplett sprachlos hinterlassen hat? Platt. Glücklich. Atemlos. Ob des Übermaßes an Ausdruck auf der Bühne der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten beraubt. Wo vorher meine Stimme wohnte, hauste nur noch Staunen. Und wie nun die Worte wieder finden?
    Anschleichen. Einkreisen. Ganz langsam. Mich erst einmal ein wenig mit den Äußerlichkeiten beschäftigen, möglicherweise. Ja. Etwas formulieren, über zwei Menschen mit weiß geschminkten Gesichtern. Bezüge assoziieren: Buster Keaton, Marcel Marceau, Harlekin, Cradle Of Filth. Frauen in Ringelstrapsen. Männer mit Schlips und Bowler.
    Klingt erst mal irgendwie muffig, so gruftimäßig angemoddert. Ergo fies, um nicht zu sagen eklig. Mir zumindest. Ich hasse diese weißgepuderte, efeuumrankte, Pere Lachaise-zitierende Verfallsästhetik. Sie ist mir durch und durch widerlich.
    Bei den Dresden Dolls habe ich sie mit dem ersten Beat der Bassdrum, mit dem ersten Piano-Akkord, mit dem ersten Tin Pan Alley-Wortspiel geliebt. Und fand das kein bisschen suspekt. Denn hier geht die Inszenierung Hand in Hand mit einer Musik, die völlig außerhalb dessen steht, was man mit ihrer Verpackung zu verbinden geneigt ist – sie zitiert keineswegs gruselige Batcave-Gespenster, sondern schlägt einen schwungvollen Bogen von Kurt Weill zu Patti Smith. Vom C.B.G.B.´s zu den Berliner Kabaretts der Zwanzigerjahre.
Amanda Palmers Stimme wispert und flüstert, spottet und tröstet, baut sich vor dir auf, unterstrichen, pointiert und akzentuiert von Brian Vigliones Schlagzeugspiel. Da wechseln weit ausholende, bombastische Läufe über die Toms mit Marschwirbeln auf der Snare und leise klimpernden Cymbals. Immer Ton und Beat gewordene Satzzeichen. Im Zusammenspiel mit Amandas Piano ist das bei aller Theatralik jederzeit dringlich und emotional, schleicht sich in seiner artifiziellen Inszenierung ganz nah an dich heran, um plötzlich nackt aus den Kulissen zu springen und dich lauthals auszulachen, dir in den Hintern zu treten, dich in den Arm zu nehmen, an den Haaren über die Tanzfläche zu schleifen oder mal eben mir nichts dir nichts das Herz zu brechen.
    Das ist auf Platte schon grandios, live ist es ein kleines Wunder mitzuerleben, welch mitreißende Kraft die beiden entwickeln, wenn Amanda sich hinter dem Piano räkelt und streckt, sich aufstemmt und wieder in die Tasten fallen lässt, während Brian nahezu jede Bewegung, jeden Satz nicht nur mit dem Schlagzeug, sondern auch noch mimisch kommentiert – oder eher karikiert, überzeichnet. Das lässt sich kaum besser auf den Punk(t) bringen als mit einer derart vorgetragenen Coverversion von Black Sabbaths »War Pigs«.

LABEL: 8ft Records

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 06.09.2004

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