Review: The Audience Celluloid

Für gewöhnlich bringen urbane Schmelztiegel aufgrund der dort vorherrschenden infrastrukturellen, soziokulturellen und zuletzt auch rein statistischen Bedingungsgefüge zeitgenössische, popkulturelle Strömungen und deren Protagonisten hervor. Es gibt aber auch in diesem Fall ein ums andere Mal die fast schon notorischen Ausnahmen von der Regel zu beobachten, wenn es um künstlerische Ausdrucksformen der Gegenwart in dezidiert ländlicher Umgebung geht. In Deutschland scheint gerade der Süden der Republik überproportional gesegnet zu sein mit derartigen subkulturellen Phänomenen: Denn neben Weilheim schickt sich mittlerweile auch die beschauliche 12.000-Seelen-Gemeinde Hersbruck immer mehr an, zu einem der hierzulande umtriebigsten Fokalpunkte im Hinblick auf moderne Popmusik verschiedenster Spielarten zu avancieren. Und entwickelt sich somit zu einer eigenständigen, vordergründig provinziellen Biosphäre, die Vergleiche mit Athens im US-Bundesstaat Georgia oder Portland in Oregon geradezu heraufbeschwört (mal abgesehen davon, dass in den genannten beiden Städten die Einwohnerzahl um ein Zigfaches höher ist).
    Hidalgo, The Plane Is On Fire, Yucca und allen voran die seit ihrem Debüt aus dem Jahr 2001 landauf, landab bekannten Post-Punk-Waver The Robocop Kraus haben diesen vormals blinden Fleck auf der allgemeinen Landkarte des Pop mit einem nicht zu übersehenden roten Fähnchen markiert. Letztere waren es auch, die die neueste Entdeckung aus der fränkischen Kleinststadt direkt vom Fleck weg als Vorgruppe bei ihrer letzten Tour engagierten, nachdem sie The Audience zum ersten Mal live auf der Bühne erlebt haben. Tobias Helmlinger von The Robocop Kraus erinnert sich noch gut an diese erste Begegnung, die stilecht im Keller des Hersbrucker Jugendzentrums stattfand: »Fünf junge Herren, alle einheitlich schick gehüllt in schwarzes Tuch, enterten damals die Bühne. Okay, dachte ich, eine Uniformband«. Und dachte, damit sei alles klar. Doch weit gefehlt: Zwar schweineorgelt es z.B. bedrohlich beim Song »Sally Joy«, wird die Gitarre melancholisch verzerrt gedehnt bei »High Fidelity« oder in alter Gang Of Four-Manier im Stakkato-Chorgesang der wohl charismatischste US-Präsident John F. Kennedy und sein abruptes Ableben thematisiert. Bei all diesen vermeintlichen Retro-Fallen, die sich The Audience quasi selbst in den Weg gelegt haben, gelingt es dem Quintett aber ein ums andere Mal, diesen Fallstricken geschickt auszuweichen. Hier treffen die Ramones auf Franz Ferdinand beim Tee, machen ulkige Frisurenbilder mit Joeys Haaren auf Alex Kapranos’ Kopf und tanzen lachend zu einem Stooges-Medley, das die Cramps mit Ziggy Stardust im Gepäck vor der Küchenzeile spielen, weil Syd Barrett das Wohnzimmer nach 28 Runden mit dem Kettenkarussell von oben bis unten vollgekotzt hat. Passend zum Albumtitel wünscht man sich, dass zu diesem Soundtrack irgendwann vielleicht auch noch der passende Film gedreht wird. Vielleicht sollten The Audience mal eine Platte in John Waters’ Briefkasten werfen – zusammen mit ihrer Telefonnummer drauf.

LABEL: Hazelwood Vinyl Plastics

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 04.05.2007

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