Review & Stream: Hercules & Love Affair The Feast Of The Broken Heart

Andrew Butler by Alexander Nussbaumer

Hercules and Love Affair haben mit ihrem neuen Album The Feast Of The Broken Heart die eigene Zielvorgabe zwar verfehlt, toll ist es trotzdem geworden, wie der Album-Stream und die Rezension zeigen.

Andy Butler sagt: »Ich wollte böse Basslines, stürmische, übernächtigte Sounds, rohe, harte, abgerissene Old-School-House-Produktionen, die sich fast nach Techno anhören. Ich wollte nichts Nettes, ich wollte etwas Aggressives.« So ganz geklappt hat das nicht. Das neue, dritte Album von Hercules & Love Affair ist eine Hommage an House Music, wie sie zirka 1993 klang, und das macht viel Spaß. Dass The Feast Of The Broken Heart aber tatsächlich mit einer House-Platte von 1993 verwechselt werden könnte, ist ziemlich utopisch – und Techno ganz weit weg.

Das »Hercules-Theme 2014« eröffnet mit einem schleppenden Beat, schweren Korg-Sounds, robotisch klingenden Sprachsamples zwischen DAF und LFO und Lyrics, die abwechselnd von einer Frau und einem Mann gesungen werden: »Hercules …« – »And Love Affai-air!« Auch im Folgenden wird klassisches House-Equipment unter zeitgenössischen Produktionsbedingungen zum Einsatz gebracht, wobei der Sound ständig deeper wird. Klangtechnisch ist das viel fetter als die Musik, die früher in Chicago und New York aufgenommen wurde, und vor allem sind die Melodien der Sängerinnen und Sänger, zu denen John Grant, Rouge Mary, Gustaph und Krystle Warren zählen, viel raffinierter. Die Komponenten dieser Tracks, die Popsongs manchmal sehr nah kommen, sind liebevoll und audiophil korrekt zusammengesucht, transportieren aber nicht die Rohheit und Einfachheit, die Stücke von Scram, Danny Tenaglia, Fierce Ruling Diva oder Masters At Work auszeichneten, um willkürlich ein paar Namen fallen zu lassen. Macht aber nix, denn The Feast Of The Broken Heart ist eben auch das neue Album von Hercules & Love Affair.

Ein Stück wie »Do You Feel The Same?« hat alles, was ein potenzieller Sommerhit braucht, ist wahrscheinlich nur etwas zu raffiniert, um wirklich einer zu werden, weil Andy Butler & Co. davor zurückschrecken, allzu krass zuzulangen. Die scharfe Snare ist zwar ganz nach vorn gemischt, die Sounds sind sexy, die Lyrics von Gustaph super gesungen. Aber am Ende ist der Chorus zu zurückhaltend, zu wenig over the top. Guter Geschmack, das sollte sich doch langsam rumgesprochen haben, bringt uns um zu viel Vergnügen und große Momente, um ihn das Maß aller Dinge sein zu lassen. Trotzdem ist The Feast Of The Broken Heart ein wunderbares Album, das auf verführerische Weise sein homonormatives Regime errichtet, zum Hüftwackeln, Voguen und Tanzen einlädt, egal ob man sich gerade auf dem Dancefloor zur Nebenperson streckt, um vorsichtig ihren Ellenbogen zu berühren, ob man allein im Cabrio sitzt oder mit ein paar Queers am Küchentisch.

Ganz groß: »5:43 To Freedom« feat. Rouge Mary, das mit dem Sample einer faschistoiden Tirade gegen einen Typen beginnt, der als Hippie, Gigolo, Acid Head, Speed Freak, Communist etc. beschimpft wird, um dann mit einem sirenartigen Sound die Lyrics einzuläuten, die das Thema »be yourself!« über einem stets gleichbleibenden, stoisch vor sich hin treibenden Loop ausbuchstabieren, bis irgendwann eine Roland TB-303 einsetzt und der Ruf nach »Freedom!« erklingt. Wow.

The Feast Of The Broken Heart erscheint am Freitag und ist bei Pitchfork Advance derzeit im Stream zu hören. Auch In Conflict, das neue Album von Owen Pallett, gibt es bereits vorab hier.

The Feast of the Broken Heart