Hamilton Leithauser Black Hours

Hamilton Leithauser lässt The Walkmen hinter sich und legt mit Black Hours sein erstes Solo-Album vor – zum Stream gibt es unsere Rezension.

Je nachdem, welches Mitglied von The Walkmen sich in welcher Tagesform zum Stand der Dinge äußerte, malte man sich die Laufbahn der New Yorker Rockmusiker entweder als Band gewordene Durchhalteparole oder Experiment mit kreativen Kommentkämpfen aus. The Walkmen entstanden im Jahr 2000 als Fusion zweier gescheiterter Indie-Rock-Hoffnungen. Sie bewahrten sich sowohl den Proto-Strokes-Swing der Recoys als auch die nüchternen Gitarrenambitionen von Jonathan Fire*Eater und bauten ihre Karriere auf einem sensiblen Fundament, das sich auch in den Charakteren der Bandmitglieder spiegelte. Schon die Zusammenstellung eines Tracklistings ließ sich bei The Walkmen nur mit bandinterner Lobbyarbeit bewerkstelligen, hat Sänger Hamilton Leithauser mal erzählt. Jedes Album ein neuer Koalitionsvertrag, nach sechs Legislaturperioden war die Luft raus. The Walkmen trennten sich nicht als entfremdete Solisten, zum Pferdestehlen sind sie aber auch nicht mehr verabredet.

Offensichtlich eine vernünftige Entscheidung, denn die ehemaligen Mitglieder übertreffen sich jetzt in der Initiierung ihrer neuen Projekte. Bassist Peter Matthew Bauer hat soeben ein Label für sein fertiges Debütalbum gefunden, Organist Walter Martin hat gerade eine gemeinsame Jodelnummer mit Karen O veröffentlicht, Black Hours ist die erste Soloplatte von Leithauser. Er wird es damit am leichtesten haben: Man erkennt seine Stimme unter tausend Rocksängern sofort, in ihrer schmerzverzerrten Belastbarkeit schien sich das ganze Dilemma von The Walkmen zu manifestieren. Die Band verdichtete Eifersucht und Betrug zu altem Rock’n’Roll mit tollen Kopf-durch-die-Wand-Momenten. Es ging meistens um »you and me« bei ihnen, eines ihrer Alben hieß sogar so. Die Welt drum herum hatte wenig Einfluss, mit der konnten sich The Walkmen nicht auch noch herumplagen. Erst in den letzten zwei Jahren fiel die Spannung ab, ihr letztes Album nannten sie Heaven, es war Kapitulation und Erlösung zugleich.

Das wird hier so ausführlich erzählt, weil auch Black Hours von keinem Konflikt mehr gezeichnet scheint. Es ist eine Rock’n’Roll-Übung, souverän und inspiriert, aber niemand wird deshalb den Kopf gegen die Wand schlagen. Leithauser beginnt mit einem besonders süffigen »Listen!« und lässt den selbsterklärenden Piano/Streicher-Schleicher »5AM« folgen. Danach werden Geigen gezupft und Drums mit den Händen gespielt, es gibt überhaupt viel Geklöppel und wieder die Gitarren, die schon bei The Walkmen schön nach ausgeleierten Saiten klangen. Freunde von Vampire Weekend, The Shins, Dirty Projectors und Fleet Foxes tauchen auf, einmal kurz der alte Weggefährte Bauer. Das macht alles viel Spaß und nichts so sehr wie »I Retired« (selbst Leithausers Songtitel sind gut gelaunte Seitenhiebe), das erst Richtung »Leopard-Skin Pill-Box Hat« drauflos klimpert und dann mit einem Männerchor in Schlangenlinien nach Hause schubidut.

Black Hours ist derzeit bei npr.org im Stream zu hören.

HAMILTON LEITHAUSER
BLACK HOURS
RIBBON / DOMINO / ROUGH TRADE
ALBUM – 30.05.2014