Review: Sébastien Tellier Politics

Unfassbar! Verwirrung en gros! Dass ausgerechnet Herr Tellier das neue Jahr mit einer politischen Platte begrüßt, wer hätte es ahnen können? Und dass seine Musik sprunghaft von gefälliger psychedelischer Schönheit zu weirder Sophistication wechselt, verblüfft vollends.

    Also langsam: Da war dieser langhaarige, vollbärtige Komponistentyp, der so gut zu seinen Ziehvätern Air passen mochte. Sein Debüt »L´incroyable verité« zeigte den Mann 2001 als Wotan Wahnwitz-Type. Jetzt leuchtet sein kriegsbemaltes Gesicht von der Hülle. Ist es ein Zahnpastalächeln oder Zähnefletschen? So oder so bleibt der Ausdruck bizarr. »Give me a F a U a C a K!«, skandierte Country Joe in Woodstock. Für die weiteren Bilder seiner »Politics«-Kampagne forderte Tellier aber erst mal ein »H-A-R-P-E-R-S!«, um sich ästhetisch zwischen Harpers Bizarre und Van Dyke Parks situieren zu können. Folgerichtig ist sein Thema Minderheitenpolitik, wohlgemerkt die medialer Minderheiten. Und ebenso schlüssig ist, dass Tellier keine Grenze zwischen ernsthafter Forderung und drastischer Übertreibung zieht, immerhin sieht er sich als kommender Präsidentschaftskandidat und bekommt für seine Kampagne in Les Inrockuptibles eine regelmäßige Kolumne eingeräumt.

    Wer nun Novelty-Späße ahnend abwinkt und nur noch zwischen Mülleimer und Contra-Ween-Nerventonikum meint wählen zu müssen, bitte weiterlesen! Denn Tellier hat sich mit Tony Allen zusammengetan und mit der Fela Kuti-Drummerlegende ein stilistisches Gespinst geschaffen, das der Reihe nach große Meister des politischen Lieds huldigt: Van Dyke Parks, Ivan Lins, Fela Kuti und gen Ende der Platte auch noch Human League! Was zitiert wird, sind kleine Wendungen, stilistische Eigenheiten, die den eigenen, fusionsfreudigen Stil bereichern. Es wird viel gesungen auf Politics, virtuell kommen Indianer, Afrikaner und Mexikaner zu Wort, dann meldet sich eine deutsche R&B-Mädchenstimme, die das Verschwinden der Mauer, an der sie so schön squashen konnte, beklagt! So agit-proppig konfus wie jene Squashromantik an der Ostseite der Mauer klingen auch die andern in bester Absicht formulierten Issues. Ist er nur plakativer Politclown? Tellier nennt Namen, eröffnet den Diskurs, scheinbar nicht fern von dem Matthew Herberts. Die Musik leuchtet dazu bis tief unter die Oberfläche, Telliers und Allens Projekt lächelt in fulminanter Detailfreudigkeit den Vorbildern zu. Da sitzt jeder mutige Ton! Wir müssen mit ihm über dieses Feuerwerk und sein Ansinnen reden! Was für eine Platte!

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VERTRIEB: EMI

VÖ: 19.01.2004

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