Review & Stream: Mac DeMarco Salad Days

Mac DeMarco

Mac DeMarcos neues Album Salad Days klingt erstaunlich käsig und emotional. Eine famose Platte also, zu der es nun den Stream und unsere Rezension gibt.

Wer vom lieben Gott oder vom lieben Herrn Doktor mit einer solchen Zahnlücke gesegnet wurde, kann vermutlich gar nicht anders, als irgendwann die Welt zu erobern. Mac DeMarco ist die Vanessa Paradis Kanadas. 1990 geboren, in Montreal zu Hause und so naiv-knuddelig-süß, dass man ihn schon herzen will, bevor sein Goldkehlchen auch nur einen einzigen Ton im charmant verschluderten Sprechsingsang durch die Lücke gespuckt hat, zum Beispiel darüber, wie er sich auf seine Wiedergeburt vorbereitet. Live fällt dieses Knuddelmonster dann hinterrücks über einen her und lässt die Sau raus. DeMarco gilt als regelrechte Cover-Riff-Schleuder, der jederzeit das komplette Programm von den Beatles bis zu Metallica abfeuern kann, er absolviert seine Konzerte mit Bierdusche und Bad in der Menge, tourt mit Dent May und Sean Nicholas Savage und lässt sich überhaupt als eine Mischung aus deren Weirdo- und Cheese-Qualitäten beschreiben. Die Gerüchteküche bietet außerdem Medikamententests als Geldquelle (damals) und Studiosessions mit Tyler, The Creator (heute).

Nicht alles aus dieser jetzt schon, nach nur einer EP und einem Album sowie vorausgegangenen Eigenveröffentlichungen unter dem Decknamen Makeout Videotape, ziemlich umfangreichen DeMarco-Saga gilt als historisch verbürgt. Zweifellos aber ist er ein Freund zerknautschter Kopfbedeckungen und hat seine Gitarre, die aussieht wie eine missglückte Abschlussarbeit im Leistungskurs Heimwerken, hoch geschnallt wie ein Funkgitarrist. Seine Musik ist gut abgehangen und immergutdrauf, aber weniger im Zen-buddhistischen, sondern eher im Prankster-Sinne. Slacker hieß dieses Lebensmodell mal. Es war die Neunzigerjahreversion des Fin-de-siècle-Flaneurs, die hier nun in der 21.-Jahrhundert-Taschenbuchausgabe neu vorliegt.

Slack DeMarco buchstabiert Pop auf seine Weise: Pussy, Orgie, Pipi. Zugegeben nicht umwerfend neu, aber mit klarer Zielrichtung und Humor, wobei sich das Pennälerhafte dieser Haltung zum Glück eher in Kurznachrichtenzwitscherei niederschlägt als in den Songs seines zweiten Albums Salad Days. Darauf wird ein weicherer Ton angeschlagen: DeMarco richtet seine Ansprache immer wieder an ein »babe«, er hat für den Albumabschluss ein Instrumental als Hommage an die Irrfahrt aufgenommen (»Johnny’s Odyssey«), die Stimmung in den Songs klingt zwar nie wirklich moll, wirkt aber trotz allem Slacker-Frohsinn durchgehend ein wenig blue (»Blue Boy«).

Um im Buchstabiermodus zu bleiben: Es geht Mac DeMarco mit Salad Days um Babes, Odysseus und Blues, also hauptsächlich um Bob-Musik. Alles sängel-janglet wunderbar locker und lässig. DeMarco tupft seine Gitarren-Licks mit einem solchen Gefühl für Pausen ins Zeitkontinuum, wie es wohl nur ein Zahnlückengesegneter besitzen kann. Die auf einigen der Songs vermehrt eingesetzten Keyboards verbreiten einen Touch B-Melodrama, Songs wie »Passing Out Pieces« oder das traumhafte »Chamber Of Reflection« möchte man sich als Klangtapete in einem französischen oder italienischen Film aus den späten Siebzigern vorstellen. Unser Held kurvt im Cabrio auf einer Bergstraße an der Riviera entlang, der Deal ist geplatzt, sein Herz frisch gebrochen, der Fahrtwind bläst ihm die zerknautschte Schiebermütze vom Kopf, in dem es immer wieder tönt: »Alone again, alone again …« All das strahlt diese besondere emotionale Tiefe und Aufrichtigkeit und Genau-so-Gemeintheit aus, die sich eben nur in billigem Käsepapier verpacken lässt.

Npr.org streamt Salad Days derzeit in voller Länge. Mac DeMarco kommt im Mai auf Tour (Termine am Artikelende). Weitere aktuelle Streams und Rezensionen: Dillon The Unknown, Efdemin Decay.

Mac DeMarco live

23.05. Köln – E-Werk
24.05. Berlin – Bi Nuu
17.08. Hamburg – MS Dockville

MAC DEMARCO
SALAD DAYS
CAPTURED TRACKS / CARGO
ALBUM – 28.03.2014

Mac DeMarco Salad Days

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