Review: Liars Drum’s Not Dead

Es war absehbar und hätte andernfalls alle Lügen gestraft, die jemals im Zusammenhang mit Liars den Begriff »Avantgarde« benutzten, dass sich diese Band nicht nur ein einziges Mal neu erfinden würde. Das seltsame Trio ist sicher nicht auf der Suche nach »seinem Sound«, um es sich dann darin gemütlich zu machen. In Zeiten, in denen man alles schon gehört haben kann, steckt der avantgardistische Ansatz wohl darin, sich nicht festzulegen. Kontrastierten Liars ihr tanzbar-urbanes erstes Album mit dem stellenweise fast unhörbaren Hexen-Konzept-Wahnsinn des Nachfolgers, wird auf Album Nummer drei Kontrastmalerei zum übergreifenden Thema.
Nach der Hexen-Nummer wenden sich Liars einem weiteren Thema zu, das ein bisschen nach Räucherstäbchen riecht. Das Prinzip Yin und Yang, Anfang des 21. Jahrhunderts meinethalben weniger weirdes Avantgarde-Thema als vielmehr Muttis Steckenpferd, wird in den Händen der Liars zu den zwei Figuren »Drum« und »Mt. Heart Attack«. Erstere soll das Unmittelbare und Energische verkörpern, während Letztere für Selbstzweifel und Zurückhaltung steht. Eine stinknormale Rockband würde das wohl als »auf den Verzerrer latschen« versus »nicht auf den Verzerrer latschen« auslegen; Liars gehen vehementer ans Werk: die stets am Wahnsinn schrammende Rhythmusgruppe mit zuweilen ernsthaft bis schmerzhaft schamanenartigen Zügen clasht in Vocals, die von melodiös bis ätherisch reichen; kein Gezeter. Dass sich beide Komponenten gegenseitig von unangenehmen Zügen befreien, klingt bei den Liars nicht nach Klischee, sondern wie ein verblüffender Zaubertrick.
Das Liars-Universum des Atonalen kommt bei aller Widerborstigkeit so schlüssig daher, dass man sich selbst als Rocktrottel schnell gut zu orientieren weiß. Am Ende gelingt etwas fast Gruseliges: Wenn die »Heart Attack« zum Heartbreaker mutiert, das Konventionelle im letzten Song einen Sack Zucker über einen ausleert, dann erst fühlt man sich ganz und gar verloren. Wie smart.
36 Kurzfilme, drei zu jedem Track, sind auf der beiliegenden CD enthalten. Mit so was kenne ich mich aber nicht aus.

LABEL: Mute Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 17.02.2006

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