Review: Fatima Al Qadiri Asiatisch

Fatima Al Qadiri   FOTO: Valeria Cherchi

Am Freitag erscheint Fatima Al Qadiris Debütalbum Asiatisch. Das Album ist nicht weniger als zwingendste Hauntology und entlarvendes Recycling westlicher Stereotype.

Wir danken Hyperdub, dass diese Musik nicht zu Staub zerfällt. Das Londoner Label garantiert Fatima Al Qadiri Aufmerksamkeit, die ihr sonst wohl nicht vergönnt wäre. Jedenfalls kenne ich genug Leute, die »a haunting cover of ›Nothing Compares 2 U‹ with nonsensical Mandarin lyrics« (Presseinfo) als Opener des Debütalbums einer bildenden Künstlerin, die im Senegal geboren wurde, in Kuwait aufwuchs und heute in Brooklyn lebt, eher als Drohung empfinden, denn als Versprechen. Die Genrebezeichnung Sinogrime kann denen Al Qadiris Musik ebensowenig schmackhaft machen, wie die lobende Erwähnung des »militaristischen Futurismus des frühen Grime«. Mir auch nicht. Mit Jessy Lanza, Cooly G, Laurel Halo und Ikonika hat Hyperdub zuletzt auffallend viele Soundautorinnen hervorgebracht, weibliche Acts, die bei allen Unterschieden das weite Feld des Hardcore-Continuums weiter ausgedehnt haben. Noch weiter dehnt es Al Qadiri und erfindet mal eben eine neue musikalische Zeichensprache.

Groß ist die Versuchung, dieses Unternehmen biografisch herzuleiten, musikalische Hybridität mit einer migrantischen Familiengeschichte kurzzuschließen – und mit dem Geschlecht. Bei Al Qadiri liegen solche Kurzschlüsse so nah wie bei Ikonika alias Sara Abdel-Hamid oder Cooly G, es sind die pawlowschen Reflexe des weißen Mitteleuropäers, der alles Andere als anders zu markieren pflegt. Das Wissen und das schlechte Ge-Wissen um diese Reflexe führen zum Verdacht, dass Fatima ein Fraktus-Geschöpf sein könnte, das sich Four Tet und Burial ausgedacht haben. Ist sie nicht. Nach ihrem Linguistikstudium macht Al Qadiri, Jahrgang 1981, als interdisziplinäre Künstlerin Karriere; Kuwait, Dubai, USA, Europa. Mit produktiv dislozierten R’n’B-Dekonstrukteuren wie J-Cush und Nguzunguzu bildet sie das Kollektiv Future Brown. Nach einigen EPs jetzt das erste Soloalbum: Asiatisch.

Für ein früheres Projekt sang Al Qadiri religiöse Lieder nach, schiitische und sunnitische, und legte sie übereinander – ein mehrfaches Sakrileg. Schiiten und Sunniten sind sich spinnefeind, doch beide eint: Religiöse Gesänge sind Männersache. Auch Asiatisch unterwandert Zuschreibungen und vermeintliche Gewissheiten, es subvertiert unsere Bilder des Anderen, Fremden, in diesem Fall: des Asiatischen, genauer: China. Daher auch Sinogrime, wobei das G-Wort in die Irre führt. Mit Grime, wie wir ihn kennen, hat das so viel zu tun wie der Sarotti-Mohr mit dem Senegal. Die globalisierte Linguistin jongliert mit irgendwie asiatisch konnotierten Signalen, von denen nicht klar ist, ob sie irgendeinen Ursprung in irgendeinem realen Asien haben oder ob es sich um kulturindustrielle Produktionen von Projektionen handelt, folkloristische Readymades, aus Hollywood, Silicon Valley, Washington, Projektionen auf ein fernes, rätselhaftes, womöglich gefährliches China.

Wo Martin Denny und andere Exotica-Künstler in den Fünfzigern und Sechzigern das mit dem Wohlstand gewachsene und als Ferienreise einlösbare Fernweh vieler Amerikaner mit Pastiches entlegener Musikkulturen orchestrierten, da kommt Al Qadiris Asiatica-Soundmüll, den sie mutmaßlich aus Quellen wie Ego-Shootern oder alten Horrorfilmen recycelt, als negatives Versprechen daher. Als Alarmsignal der gelben Gefahr, die im Inneren wie im Äußeren droht: aufsteigende Weltmacht China und Invasion der aufstiegswilligen Asian Americans. Asiatisches geistert durch diese Tracks, als Spuk, als Heimsuchung. To haunt ist das englische Wort für herumgeistern, spuken und heimsuchen, nie war der Wortcontainer Hauntology so zwingend wie hier.

Noch mal biografisch: Man kann Asiatisch hören als triumphale Rache einer hybriden Künstlerin an all jenen, die Zeit ihres Lebens versuchen, sie identitär zu fixieren auf wahlweise Senegalesin, Kuwaiti, Amerikanerin, Migrantin, Linguistin, whatever. Wenn sie platteste asiatische Klangzeichen und Drachentattoos mit abstraktem R’n’B und britischer Bassmusik kreuzt, reitet sie auch mal auf der Schmerzgrenze. Oder auf der Schamgrenze, wenn falsche Panflöten ins Spiel kommen. Falsche Steeldrums schlagen die Brücke zu alter Exotica, aber auch zu Van Dyke Parks’ Amerika-ist-nicht-nur-USA-politics-of-sound. Dann wieder betreibt sie umgekehrtes yellowfacing: Wie das frühe Yellow Magic Orchestra es mit Japan tat, verkauft Al Qadiri dem Rest der Welt jene gebrauchten Bilder von China zurück, die diese Erste Welt sich zu machen pflegte. Was dem Yellow Magic Orchestra Ende der Siebziger der Space Invader war, das ist ihr Desert Strike: Return To The Gulf, das Shooter-Game zur Operation Desert Storm. Fatima und ihre Schwester Monira, so die Al-Qadiri-Legende, haben den realen Wüstensturm in Kuwait überlebt, aber sie wurden Desert-Strike-Junkies.

Ganz im Zeichen der groovy, funny und funky Deessenzialisierung, die Asiatisch zu einem großen Vergnügen macht, steht auch Al Qadiris Umgang mit Stimmen. Eine natürliche, also unbearbeitete Stimme kommt nur einmal zum Einsatz: bei der »Nothing Compares 2 U«-Interpretation »Shanzhai«. (Sie gehört der Nova Heart-Sägerin Helen Feng.) Die einzige Coverversion, ein Song, der wie kaum ein anderer als Fingerabdruck der Seele gilt und der gewissermaßen beide Pole der bipolaren Ordnung kennt: Prince hat ihn geschrieben und gesungen, Sinéad O’Connor hat ihn geweint. Fatima Al Qadiri besetzt eine dritte Position.

Ein ausführlicher Artikel über Fatima Al Qadiris Video-, Performance- und Konzeptkunst sowie ihrer noch bis zum 7. September am MoMA PS1 in New York gezeigten Austellung GCC: Achievements In Retrospective findet sich in der aktuellen Ausgabe von SPEX, der auch die Rezension entnommen wurde. Das Heft findet sich am Kiosk oder kann versandkostenfrei neben zahlreichen Back-Issues in unserem neuen Online-Shop bestellt werden.

FATIMA AL QADIRI
ASIATISCH
HYPERDUB / CARGO
ALBUM – 09.05.2014