Review & Stream: Efdemin Decay

Efdemin

Efdemin war im japanischen Kyoto um sein neues Album Decay aufzunehmen. Zum Stream der LP gibt es ein einige Überlegungen über Tempel, Objekte und Seidentücher.

Phillip Sollmann. Alias Efdemin. Auf Dial. Knapp vier Jahre nach Chicago mit seinem dritten Longplayer Decay: Zerfall also. Oder auch das Abklingen der Hüllkurve – beispielsweise eines Synthesizers – vom Attack-Pegel hin zum Sustain-Level. Um es direkt vorwegzunehmen: Es ist sein ausformuliertestes, sein bestes, schlicht ein sehr gutes Album geworden.

Dial steht ja künstlerübergreifend (einschließlich der üblichen regelbestätigenden Ausnahmen) für eine Schule einer »sauberen«, sehr ausgewogen und balanciert produzierten Version von nicht zu schnellem Techno, mit einer – bei aller amtlich knackigen Clubfunktionalität – Räumlichkeit zwischen und Weichheit in den Sounds, was den Tracks dieses gewisse Etwas an Tiefe und soulfulness verleiht (das Bruderlabel Laid geht da noch einen Schritt weiter). Und in einem eleganten Akkord werden die Tonträger in ebenso geschmackssichere Hüllen verpackt.

Auf Decay peitscht Sollmann die Stücke atemlos voran, sie wollen eine Maschine sein, Andrei Mikhalkov-Konchalovsky’s Runaway Train im Sinne. Und alle beteiligten Klangerzeuger ziehen willenlos mit. Großflächige Seidentücher in weichen Pastellfarben durchwehen die Rhythmen, legen sich licht übereinander, Stimmen sprechen zu uns, mal in fordernder Nachdenklichkeit, mal in einem heiklen David-Lynchismus, schwere Türen zu nur scheinbar leeren Räumen werden langsam geöffnet, in der aquarellierten Ferne schlagen ganze Chöre von Glöckchen an.
Natürlich will man das hören, dass Sollmann das Album während eines dreimonatigen Aufenthalts in einer Künstlerresidenz in Kyoto produziert hat.

Und kann man Decay nicht auch mit »radioaktiver Zerfall« übersetzen? Man kann. Oder in »Drop Frame« und »Ohara«, hallen da nicht buddhistische Tempelanlagen wider? Nur nicht die Nerven verlieren, mahnt Titel Nummer sechs. Aber wähnt man sich nicht quer durch das Album auf der Tokaido-Shinkansen-Linie unterwegs von Osaka über Kyoto nach Tokyo oder zumindest auf den Spuren einer ameisenhaften japanischen Betriebsamkeit? Und so weiter, das ganze Programm an Klischees und Lost-In-Translation– Zuschreibungen eben.

Doch hätte Phillip Sollmann eine artist residency in Detroit gehabt, würden wir die Ford-Werke hören, die verwaisten Häuser und Straßen von Downtown und Jeff Mills; hätte er das Album in Gent produziert, würden wir es bei Global Cuts verorten. Dem Beobachter scheint es bekanntlich, dass sich die Position des Objekts alleine dadurch verändert, dass er sich im Raum bewegt, sagt Titel Nummer neun dazu. Und da haben wir noch nicht mal begonnen, von der Quantenebene zu sprechen, ergänzt Titel Nummer sechs.

Geschenkt, dass das momentane Umfeld prägt, aber Phillip Sollmann hat Besseres zu tun, als illustrativ zu arbeiten. Dabei kann er nicht nur aus seiner Geschichte schöpfen, sondern auch aus seinem ganzen Wissen um Musik. Um eine Annäherung zu formulieren: In seiner Stringenz und motorratternden Konsequenz mag man das Album wie eine sanfte Kollision zwischen dem Spinner-Industrial eines Z’EV, einer Soul- und Funk-freien Thomas-Brinkmann-Variation und einer schlafenden, melancholischen House-Schönheit einer fremden, erst noch zu entdeckenden Welt lesen.

Weitere aktuelle Albumstreams: Mo Kolours Mo Kolours, Dillon The Unknown, Mac DeMarco Salad Days.

EFDEMIN
DECAY
DIAL / ROUGH TRADE
ALBUM – 28.03.2014

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