Review & Stream: Conor Obersts neues Album Upside Down Mountain

Conor Oberst

Country ist auf Conor Obersts berührendem neuem Album Upside Down Mountain nur die halbe Wahrheit. Zum Stream der am Freitag erscheinenden Platte gibt es nun auch unsere Rezension.

Ein hastiger Blick auf die Tracklist. Conor Oberst covert »Enola Gay« von Orchestral Manoeuvres In The Dark? Natürlich nicht: Obersts »Enola Gay« ist ein melancholischer Country-Song über einen Typen, der eher zufällig diesen seltsamen Spitznamen verpasst bekam. Country ist das Stichwort: Seit Anfang des Jahres wurde über alle Kanäle verbreitet, dass Conor Oberst sein neues Soloalbum in Nashville fertigstellt, produziert von Jonathan Wilson, der zuvor unter anderem mit Father John Misty und Dawes arbeitete.

Upside Down Mountain ist daher eine stellenweise lupenreine Country-Platte geworden, mit Lyrics wie Sinnsprüchen aus dem Great American Songbook. »Everyone has a choice to make / To love or to be free«, singt Oberst gleich im ersten Stück »Time Forgot«, greift das Thema in »Lonely At The Top« nochmals auf (»Freedom is the opposite of love«), und an anderer Stelle heißt es warnend: »Pleasure is not the same as happiness«.

Stellenweise lupenrein deswegen, weil neben den Slide-, Pedal-Steel- und Akustikgitarren viele andere Instrumente wie Vibrafon, Klarinette, Trompete, Flöte und Piano im Einsatz sind, die den Wüsten-Highway-Saloon-Sound üppig auffüttern. Und weil ins Studio in Nashville auch dancing tunes wie »Kick« (in dem es um JFKs Ermordung geht) und Karibik-Brass (wie in »Hundreds Of Ways«) eingelassen wurden; das gemächlich schaukelnde »Zigzagging Toward The Light« endet in grungigem Noise. Der Background-Gesang stammt übrigens bei allen Songs von Klara und Johanna Söderberg alias First Aid Kit aus Schweden.

Um es ganz klar zu sagen: Upside Down Mountain ist wunderschön, vom Cover (ein Gemälde Ian Felices von The Felice Brothers) über den ersten bis zum letzten Ton. Keinesfalls hat sich Oberst damit als Country-Musiker mit Stetson neu erfunden, das Album klingt nicht fundamental anders als ältere Soloplatten mit und ohne The Mystic Valley Band oder Bright Eyes oder Monsters Of Folk. Vielmehr finden auf dieser Platte des 34-Jährigen all diese Pfade zusammen, mit Country als Leitplanke. Die Texte handeln fast alle vom Erwachsenwerden und Unterwegssein, und es scheint, als habe Oberst seinen einstigen allumfassenden Weltekel in eine nach wie vor skeptische, aber auch mildere Sicht auf die Dinge gewendet. Ein Song wie »You Are Your Mother’s Child« könnte schlimmster Kitsch sein, doch Obersts Geschichte vom »dad«, der ein »bastard« ist und seinem Sohn wünscht, später nicht ganz so einsam zu werden wie er, ist ein Tränendrüsendrücker mit genau der richtigen Menge Bitterstoffe darin. Und Conor Oberst sei gewünscht, dass ihn spätestens jetzt niemand mehr »Wunderkind« nennt.

Das gesamte Album ist aktuell bei npr.org im Stream zu hören. Weitere Rezensionen wie diese finden sich in unserer neuen Ausgabe – ab Donnerstag am Kiosk!

Conor Oberst live
​11.08. Hamburg – Fabrik
12.08. Berlin – Postbahnhof
14.08. Wien – Arena
16.08. München – Freiheiz
17.08. Köln – Gloria
18.08. Zürich – Kaufleuten

CONOR OBERST
UPSIDE DOWN MOUNTAIN
NONESUCH WARNER

ALBUM – VÖ: 12.05.2014

Conor Oberst Upside Down Mountain