„Wir leben in der Ära des Feminismus“ – Rapperin AWA im Interview / Live bei We Make Waves

AWA ist nicht nur der naheliegende Spitzname von Awakhiwe Sibanda, sondern auch ein Akronym für African women arise – und damit dürfte schon klar sein, worum es der aufstrebenden Künstlerin aus Simbabwe geht. Wir trafen die Rapperin zu einem exklusiven Interview. Am Wochenende kann man sie zudem live auf dem We Make Waves Festival erleben – SPEX präsentiert.

Sie sagten kürzlich, Sie seien eine von vielleicht fünf rappenden Frauen in Simbabwe. Mittlerweile kooperieren Sie mit Musikerinnen vom ganzen afrikanischen Kontinent und weltweit. Haben Sie das Gefühl, die Zeiten ändern sich für Musikerinnen aus Afrika?
Ja, das glaube ich. Frauen verstehen immer mehr, wie stark sie sind und dass sie genau so kreativ sein können wie Männer. Es ist natürlich kein Wettstreit mit Männern, aber es geht darum, dass Frauen ihr Potenziel erkennen. Wir leben in der Ära des Feminismus. Mehr und mehr Frauen starten durch und stehen auf, sogar im Hip Hop. Ich hoffe, dass Frauen in fünf Jahren die Musikindustrie übernommen haben.

Ihre Kernthemen – häusliche Gewalt, Prostitution und Vergewaltigung – werden im Hip Hop generell selten angesprochen. Gibt es trotzdem Musiker, die Sie in Ihrem direkten Umgang damit inspirieren?
Als eine der wenigen Frauen, die in Afrika Hip Hop machen, wusste ich, dass ich für Frauen sprechen musste. Die Menschen müssen verstehen, wie wir uns fühlen und was wir durchmachen. Auf meinem Album, das von Ghanaian Stallion produziert wurde und Anfang nächsten Jahres erscheint, geht es vor allem um Frauen. Auch um häusliche Gewalt, weil ich unter einem Dach aufgewachsen bin, wo Gewalt die Antwort auf alles war. Wenn etwas schief läuft, muss jemand dafür geschlagen werden. Vor allem in Simbabwe, vor allem in meiner Stadt Bulawayos und dort vor allem in meiner Straße. Wenn ein Fehler passiert, muss eine Frau dafür verprügelt werden und die meisten Frauen verlassen die Täter nicht. Sie fühlen sich gefangen, weil sie vielleicht Hausfrauen sind und nicht arbeiten. Diese Leute müssen wissen, dass man so einer Situation entfliehen kann, dass man ein neues Leben beginnen kann. Als jemand, die einer gewalttätigen Beziehung entkommen ist, wollte ich über dieses Thema sprechen. Für die Frauen in Simbabwe, die Frauen in Afrika und Frauen überall auf der Welt. Wir alle kennen eine, die von jemandem geschlagen wurde und darüber sollten wir sprechen. Wir sollten ein gutes Beispiel für die nächste Generation sein und kleinen Jungen beibringen, dass sie unter keinen Umständen ihre Frau schlagen dürfen. Ich rede aber auch über andere Themen, die uns als Gesellschaft in Simbabwe betreffen. Wie sehr wir hustlen müssen, um Essen auf dem Tisch zu haben etwa.

Wo wir gerade über Erziehung sprechen: Sie studieren Soziale Arbeit. Gibt es da Überschneidungen zu Ihrer Musik?
Definitiv! Ich bete, dass ich nach meinem Abschluss meine eigene Organisation gründen kann, um Kinder zu unterstützen und zu unterrichten. Aber auch das, was ich mit meiner Musik mache, hat mit Sozialarbeit zu tun. Wenn man ein Lied spielt und jemand ändert seine Stimmung komplett und fängt an zu tanzen. Ich glaube meine Musik ist Teil meines Jobs als Sozialarbeiterin. (lacht)

die Menschen blickten auf mich und meine Musik herab. Ich war zu arm für ihre Aufmerksamkeit.

Schon bei einem Ihrer ersten Auftritte begleitete Sie ein Kamerateam aus den USA für eine Dokumentation. Wie befremdlich ist diese internationale Aufmerksamkeit für Sie?
Es ist großartig, aber auch schmerzhaft. Die Menschen in Simbabwe haben mich erst bemerkt, nachdem ich international bekannter wurde. Als ich noch zu Hause war, haben sie mich ignoriert. Ich war immer arm, kam aus dem ärmsten Slum in Simbabwe, also blickten die Menschen auf mich und meine Musik herab. Ich war zu arm für ihre Aufmerksamkeit. Ich war nie schön genug gekleidet, um für eine talentierte Künstlerin gehalten zu werden.  Aber eine Sache führte zur anderen, ich bekam Anrufe, gab Interviews, wurde gefilmt. Und plötzlich sagen alle: „Ich wusste, dass du es schaffen wirst. Seit ich dich zum ersten Mal rappen hören habe, habe ich an dich geglaubt.“ Und ich antworte: „Nein, hast du nicht! Du hast mich immer runtergemacht!” Selbst meine eigene Familie. Als ich meiner Mutter sagte, dass ich Vollzeit-Rapperin werden möchte, fragte sie mich, ob das ein Witz sei. „Aber Mama, ich bin wirklich gut, hör dir diesen Song an!” Sie warf mein Handy weg. Nicht einmal meine eigene Familie wollte meine Lieder hören. Also war es überraschend, als Leute auf mich aufmerksam wurden, mit mir arbeiten wollten und mir Ratschläge gaben, weil ich niemals dachte, dass meine Musik sich so verbreiten würde. Am Anfang habe ich Musik nur gemacht, um meine eigenen Lieder auf meinem Handy zu haben und meine Stimme zu hören (lacht). Als ich irgendwann angerufen wurde und Georg, mein jetziger Manager, mir sagte, ich solle meinen Pass holen, weil ich in Deutschland auftreten sollte, sagte ich: „Lass solche Scherze mit mir bleiben! Ihr wollt mich in ein Flugzeug setzen, nur damit ich 30 Minuten spiele?“ Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte noch nie einen Flieger von innen gesehen! Ich werde auch heute noch sehr emotional, wenn mich beispielsweise jemand interviewen möchte. Und ich weiß es von ganzem Herzen zu schätzen.

Sie wurden 2016 bei einer Demonstration verhaftet. Ist es gefährlich für Sie, über politische Themen zu sprechen?
Ja, ich habe dem We Make Waves Festival und der BBC letzte Woche Mails geschrieben, um zu sagen, dass ich bei nichts mitmachen würde, was mit Politik zu tun hat. Das hat sie sicherlich enttäuscht, aber es ist eben tough aus Simbabwe zu sein. So sehr ich über Politik sprechen möchte, bin ich doch mehr Genderaktivistin als politische Aktivistin. Ja, ich wurde verhaftet, aber außer mir wurden noch 80 andere Menschen verhaftet. Meine Mutter hat mich kürzlich gebeten, gar nicht mehr über Politik zu sprechen. Ich bin gerade im Ausland, ich kann alles sagen und niemand wird mich anrühren. Aber meine Familie ist nun einmal in Simbabwe und fühlt sich nicht sicher, wenn ich herumreise und politischen Aktivismus betreibe. Das muss ich respektieren. Vor drei Wochen habe ich meinen kleinen Bruder verloren und jetzt sind meine Mutter und mein Vater alles, was ich habe. Ich möchte sie nicht gefährden, ich liebe sie zu sehr.

Man muss ja nicht über eine spezifische Regierung reden, um wichtige politische Statements abzuliefern. Ich bin sicher, Ihre Texte bringen Ihnen auch so schon genug Gegenwind ein.
Wenn man Feministin ist oder auch nur mit der Bewegung assoziiert wird, hat man Gegenwind. Das hat mich anfangs noch beschäftigt, aber jetzt ist es mir egal. Man kann nicht alle zufrieden stellen.

Kommendes Wochenende spielen Sie auf dem We Make Waves Festival in Berlin. Haben Sie eine besondere Verbindung dazu?
Oh ja, das wird etwas sehr Besonderes, weil ich im selben Club spiele, in dem ich 2015 mein erstes Konzert in Europa gespielt habe. Es wird sehr speziell, wieder zurück ins Acud zu gkommen. Damals hatte ich noch nicht einmal Kostüme, musste über die Runden kommen und trug was auch immer ich hatte. Jetzt habe ich Taschenweise Kostüme. Das wird sicher sehr berührend für mich.

SPEX präsentiert We Makes Waves, u.a. mit AWA
9.11. – 11.11. Berlin – St. Elisabeth, Acud, u.a.
Weitere Infos gibt’s hier.

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