PVT Homosapien

PVT »Homosapien«
PVT
Homosapien
Felte / Rough Trade
15.02.2013

Der Evolution haben wir so einiges zu verdanken, unter anderem die Existenz unserer Spezies. Kreationisten mögen das anders sehen – nun, jedem seine Meinung. Das australische Trio PVT, fundamentalistischer Umtriebe unverdächtig, singt auf seinem vierten Album Homosapien denn auch keine Hymne auf die Schöpfung, sondern auf die »Evolution« (so ein Stücktitel). Das bevorzugte Transportmedium für ihre Botschaft ist neben dem auf dieser Platte erstmalig in den Vordergrund gerückten Gesang Richard Pikes ein Synthesizer älterer Bauart, dessen Arpeggi sich wie eine Doppelhelix durch die Songs winden und für den nötigen Mutations-Groove sorgen. Auch dort, wo weniger elementare biologische Vorgänge um die Entwicklung von Lebewesen Thema sind, sondern vielmehr allgemein menschlich-technische Fragen im Mittelpunkt stehen (siehe »Electric«, »Cold Romance« oder »Love & Defeat«), bleibt das Instrumentarium um den Synthesizer zentriert.

   Schlagzeug und Gitarre bedienen die Brüder Richard und Laurence Pike zwar weiterhin, aber statt nach einer experimentellen Rockband klingt das Trio, dem noch Laptop-Produzent Dave Miller angehört, über weite Strecken mehr nach einer Synthie-Pop-Band mit musikalischem Forschungsauftrag. Songformate bilden das Grundgerüst der Versuchsanordnungen, auch gelegentliche Exkurse in die eigene Geschichte des Fachs werden berücksichtigt. Doch an keiner Stelle gewinnen archivarische Rekonstruktionsbemühungen der Stile vergangener Dekaden die Oberhand. Dass ausgerechnet im Titelsong die Gitarren in rockender Absicht dominieren, mag Zufall sein. Oder sollte darin so etwas wie ein Authentizitätsmissverständnis stecken? Echte Töne für echte Menschen? Dagegen spricht zumindest der Gesang, der stark elektronisch verfremdet und zerstückelt einsetzt: Auch der menschliche Faktor kann künstlich sein. Im Gesamtbild bleibt die Nummer »Homosapien« eher ein Farbtupfer, eingebettet in ein Spektrum aus analogen Generatoren.

   Inhaltlich hat man den Rahmen weit gesteckt. Vom existenziellen »Shiver« bis zum gelassen instrumental vor sich pluckernden finalen Stimmungsbild »Ziggurat«, den mesopotamischen Tempelbauten gewidmet, werden nicht nur drängende Fragen der Gegenwart gestellt. Dabei entstanden die Texte des Albums vor der Musik, gemeinsam von Richard Pike und Dave Miller in London, Richards Wohnort, geschrieben. Ihre endgültige Vertonung folgte in Australien, wo der Rest der Band ansässig ist. Der ganze Vorgang ist insofern bemerkenswert, als man unter dem Namen Pivot früher mal eine Improvisationsgruppe war und Laurence zudem der Gründer von Triosk sowie mit Dave Miller Betreiber des Projekts Roam The Hello Clouds ist, die beide für experimentellen Jazz stehen oder standen. Davon hat man sich hier eine gewisse Strecke entfernt. Auch vom früheren Label: Nachdem die letzten beiden Alben auf Warp erschienen, kommt ihre neue Platte bei der ziemlich jungen Adresse Felte in Brooklyn heraus. Die dürften sich darüber herzlich freuen. Freunde avancierten Liedguts ebenso.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here