»Punk war von Anfang an ein Produkt der Manager« – Richard Dudanksi über seine Freundschaft zu The Clashs Joe Strummer

Joe Strummer und Richard Dudanski Foto: Julian Yewdall

Schlagzeuger Richard Dudanksi liest am Montag, den 10. August in der Wowsvillbar aus seiner Autobiografie. Wir haben ihn vorher getroffen und erfahren, warum der 03. April 1976 die Musikszene veränderte und warum er ablehnte, Teil von The Clash zu werden.

Richard Dudanski und John Graham Mellor, besser bekannt unter seinem späteren Pseudonym Joe Strummer, waren in den frühen Siebzigerjahren Teil einer legendären Londoner WG in der Walterton Road 101. Sie war Namensgeberin und Geburtsstätte der Rockband 101ers, einer Band, die vor allem eins wollte: spielen. Eine Begegnung.

Als Du zu den 101ers kamst, konntest Du nicht Schlagzeug spielen und hattest nur ein Woche Zeit, Dich für den ersten Gig vorzubereiten.
Ich hatte noch nie mit jemandem gespielt. Schlagzeuger und Saxofonist waren Chilenen und deshalb bekamen wir überraschend einen Gig auf einer Benefizveranstaltung für chilenische Flüchtlinge des Pinochet-Regimes. Der damalige Schlagzeuger war aber gerade weg und Woddy (damals Joes Spitzname) wusste, dass ich ganz gern mal aufs Schlagzeug haue. Also schlug er vor, ich solle den Part übernehmen. Ich hatte eine Woche Zeit, mich auf den Gig vorzubereiten. In der Rockmusik geht das noch halbwegs.

Die 101ers, von denen Du dann schnell fester Bestandteil wurdest, waren Teil der Pub-Rock-Szene. Du sagst an einer Stelle in deinem Buch, dass Pub-Rock nie eine konzeptuelle Entscheidung war, sondern einfach eine Notwendigkeit.
Wir hatten Glück, dass es Pubs gab, die uns spielen ließen. Denn unsere Überzeugung war, wir machen Musik, damit diese gehört wird. Wir wollten einfach so oft wie möglich live vor Publikum spielen. Wir nannten es damals Squad-Rock, die Journalisten später Pub-Rock

In deinem Buch räumst Du Deiner Beziehung zu Joe Strummer einen sehr großen Platz ein. Ihr wurdet im Laufe der beiden Jahre, in denen die 101ers fast täglich in London und Umland spielten, zu engen Freunden.
Joe und ich waren sehr eng. Das lag auch daran, dass unsere beiden Freundinnen Schwestern waren. Deshalb verbrachten wir auch außerhalb von WG und Band viel Zeit miteinander. Aber Joe war auch innerhalb der Band die treibende Kraft, immer sehr ambitioniert und natürlich der Komponist der meisten Stücke. Ich habe erstmal geübt wie ein Wahnsinniger, um ein guter Schlagzeuger zu werden.

Du nennst in deinem Buch kaum Daten, eines aber ganz dezidiert: den 03. April 1976.
Das war ein entscheidender Moment in meinem Leben – in einem Pub namens The Nashville. An diesem Punkt waren die 101ers gerade dabei, Erfolg zu haben. Wir spielten fünf, sechs Mal die Woche und waren dafür in ganz England unterwegs. Wir hatten zwar noch keinen Plattenvertrag, aber schon eine Bookingagentur. Und dann kam eben dieser Gig im The Nashville, bei dem die Sex Pistols als unsere Vorband spielten. Wir hatten zwei Gigs mit ihnen und eigentlich hat das auch gut funktioniert.

Joe Strummer beschreibt diesen Moment, in dem er die Sex Pistols zum ersten Mal gehört hat, als einen der enstscheidensten in seinem Leben. Wie war dieser Moment für dich?
Es war definitv etwas Neues an den Sex Pistols, aber das war nicht unbedingt die Musik. Die basierte eigentlich auch nur auf Rhythm and Blues und englischer Rockmusik der Sechzigerjahre. Was herausstach, war Johnny Rottens Stimme, die Art und Weise, wie er sang und ihre ganze Fuck-this-Attitüde. Darüber hinaus – und das wird oft vergessen – die Arbeit des Managements, die schnell erkannt hatten, dass hier eine potentielle Szene im Entstehen begriffen war und mit Johnny in persona ein perfektes Image kreieren konnten. Ihm würden die Leute nacheifern. Punk war von Anfang an ein Produkt gewiefter Manager. Dazu bekamen sie unglaublich viel Aufmerksamkeit in der Presse – frontpage bei NME und so weiter. Alle wussten: das ist ein große Sache und jetzt würden sich die Dinge grundlegend ändern.

Du erzählst in deinem Buch, dass vor allem Joe sich nach diesem Erlebnis stark veränderte und obwohl ihr gerade zum ersten Mal im Studio wart und vor so vielen Leuten gespielt habt, wusstest du, dass Joe mit den 101ers nicht mehr zufrieden war.
Nach dem Gig mit den Sex Pistols war Joe klar, dass das die neue Szene war. Er war sehr ambitioniert und wusste, dass das der Weg ist, um ein Rockstar zu werden. Es gab aber auch schon davor bandinterne Probleme.

Joe kam dann eines Nachts zu dir, um mitzuteilen, dass er zu einer neuen Band wechseln würde und fragte, ob Du ihm als Drummer dorthin folgen würdest. Eine Band, die später unter dem Namen The Clash eine der erfolgreichsten Bands der britischen Musikgeschichte werden sollte. Hattest Du diesen Erfolg vorausgesehen?
Ich wusste, dass das Projekt durchstarten würde. Joe war damals mein engster Freund, wir ergänzten uns auch musikalisch sehr stark und liebten es, zusammen zu spielen. Deshalb wäre ich auch mit ihm femeinsam zu einer neuen Band gewechselt. Ich kannte die Jungs, sie waren häufig bei unseren Gigs. Und ja, ich wusste sofort, dass hier etwas Großes im Entstehen war. Aber für mich stand damals eine Sache über allem und das war meine Unabhängigkeit. Und deshalb war das Problem nie die neue Band, sondern, wie ich im Buch sage: das Problem war der Manager.

… Bernard Rhodes. Er kam am darauffolgenden Morgen zu Dir und wollte Dich überzeugen, zu The Clash zu wechseln. Warum hast Du abgelehnt?
Bernie Rhodes war in unserer Wohnung, zog mich in ein Zimmer meines Mitbewohner und schmiss diesen aus seinem eigenen Raum. Da wusste ich schon, ich will mit diesem Typen nicht arbeiten. Er sagte: komm zur neuen Band, die 101ers sind tot. Und auch wenn ich wusste, dass wir Probleme innerhalb der Band hatten, dass wir unseren neuen Bassspieler nicht ausstehen konnten, und dass, abgesehen von mir und Joe, die 101ers keine starke Einheit mehr waren, wollte ich mit diesem Typen nicht zusammenarbeiten. Ich sagte später zu Joe: Ja, ich komme in die Band und wir machen das mit den beiden Neuen, aber ohne den Manager. Aber er sagte, der Manager sei der Macher dieses Projekts und es gäbe kein Ohne-ihn.

Hast Du Deine Entscheidung jemals bereut?
Man darf solche Entscheidungen nicht bereuen. Man muss sich immer klar darüber sein, warum man sie zu jener Zeit so getroffen hat. Aber natürlich denkt man dann und wann: ich hätte ein Rock’n’Roll-Star sein können.

Für Dich begann danach eine harte Zeit. Die 101ers, Dein Lebensinhalt, waren von einem Tag auf den anderen verschwunden und The Clash wurden zur nächsten großen Sache. Du sprichst davon, dass Du Dich von Joe betrogen fühltest.
Ja ein bisschen betrogen … ach was, ich fühlte mich betrogen zu der Zeit. Ich meine, ich wusste, warum er es tat und fühlte mich nicht persönlich betrogen – aber um die Idee, die hinter den 101ers stand, die Unabhängigkeit, die wir als Band hatten.

War es schwer, den kometenhaften Aufstieg von The Clash zu beobachten?
Oh ja! Ich dachte immer, die sind gut, aber wir hätten noch besser sein können. Das war natürlich Spekulation, wer weiß sowas schon. Ich bin dann für drei Monate nach Sizilien zu Freunden gegangen, weil ich wusste, dass es nur schwer zu ertragen sein würde. Als ich zurückkam, begann ich mit Tyman Dogg Musik zu machen und dann konnte ich The Clash zumindest größtenteils ausblenden. Nur gab es da diese eine Situation: The Clash waren gerade auf Tour und gaben ihr Abschlusskonzert und Joe, der sich wirklich immer großartig verhielt, mir immer die Platten schickte, mich auf die Gästelisten schrieb, hatte mich eingeladen. Und ich wollte eigentlich gar nicht hin und betrank mich fürchterlich bis ich derart voll war, dass ich plötzlich doch gehen wollte. Und irgendwie kam ich backstage, eine Minute, bevor The Clash auf die Bühne sollten und fing mit allen einen gewaltigen Streit an. Ein sehr symbolischer Abend.

Verkürzt könnte man sagen, die Sex Pistols und Johnny Rottens Auftritte besiegelten das Ende der 101ers. Ironischerweise spieltest Du später mit eben jenem Johnny Rotten in dessen Nachfolgeprojekt Public Imige Ltd. (PiL).
Das Interessante war, dass Johnny sich ebenso wie ich, um seine Idee von Musik betrogen sah. Auch wenn die Pistols in ihrer Art echt waren – die ganze Punkszene war so manipuliert und durchgestaltet von den Managern, allen voran Malcolm Maclaren. Und als Johnny das merkte, lösten sich die Sex Pistols nach nur einem Jahr auf und er ging vor Gericht, um Maclaren zu verklagen. Bei PiL hatten wir dann keinen Manager und wir spielten einfach unsere Musik und lebten nach dem Do-It-Yourself-Punk-Ethos. Dementsprechend fühlte es sich großartig an, mit PiL Musik zu machen.

Wenn man Deine Beschreibungen der Zeit mit PiL und der 101ers vergleicht, dann ist dennoch die größere Begeisterung für die 101ers zu spüren.
Natürlich. Es war mit den 101ers wie mit der ersten Liebe. Die erste Gruppe, du startest mit Nichts und nach 18 Monaten spielst du überall in England und du hast dir alles selbst erarbeitet. Mit PiL fing ich gleich oben an. Wir waren in den besten Studios und die Plattenfirma tat alles für uns. Das ist natürlich etwas anderes. Weniger Leidenschaft, dafür konnte ich von da an sehr gut von der Musik leben.

Obwohl sich die Wege trennten, Joe ist dein Freund geblieben. Anfang des Jahres 1977, nur wenige Monate nach dem Durchbruch von The Clash, lag Joe eines Morgens völlig kaputt bei Dir im Garten. War das der Moment, in dem Du Deinen Stolz überwinden konntest?
Als ich ihn sah, dort bei uns im Garten, war mein erster Kommentar: Sieh‘ an, er hat den Hahn ein drittes Mal krähen gehört. Ich wurde katholisch erzogen und hatte lauter biblischen Müll in meinem Kopf und er jammerte nur sehr verkatert und erschöpft. Von da an wurde unsere Beziehung wieder besser. Später spielten wir ab und zu auch wieder Gigs zusammen. Und ja, wir brachten Jahre später noch die EP der 101ers heraus, die wir damals schon aufgenommen, aber nie veröffentlicht hatten. Er war oft bei mir in Granada zu Besuch und dabei planten wir sogar wieder regulär Musik zu machen. Joe starb leider nur wenige Monate später.

Richard Dudanski liest am 10.08. in der Wowsville Bar in der Ohlauerstr. 33, Berlin live aus seiner Autobiografie Squad City Rocks Beginn ist 20 Uhr.

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