Post Industrial Boys »Unintended« / Review

Post Industrial Boys verweben Existenzielles mit geschmeidig minimaler Elektronik.

Mit wundervoller Stimme sang der Georgier Gogi Dzodzuashvili 2004 im Titellied seines Debütalbums Post Industrial Boys: »Post industrial boys have a wonderful voice.« Ein mit simplen elektronischen Mitteln erzeugter Easy-Listening-Groove schaukelte dazu in blubbernder Wiederholung vor sich hin. Nach diesem Prinzip und unter Einbeziehung verschiedener Gäste am Mikrofon verfuhr Dzodzuashvili für den Großteil des Albums wie auch des Nachfolgewerkes Trauma (2006). Dann gab es zehn Jahre lang nichts von Post Industrial Boys zu hören – bis dieser Tage ein weiteres Album erscheint: Es heißt Unintended und enthält so manchen mit simplen elektronischen Mitteln erzeugten Easy-Listening-Groove in blubbernder Wiederholung.

Ob auf Unintended eher private beziehungsweise von Politischem unabhängige Ereignisse verarbeitet werden, wird nicht klar – die alltägliche Natur der Textmeditationen lässt beide Vermutungen zu.

Dazu singt-spricht Dzodzuashvili in sonor rauchiger Stimme Tagträumerisches und Alltagsphilosophisches. Laut Pressetext basieren die Lyrics auf Schriften von Dzodzuashvilis Frau und reflektieren als eine Art Familientagebuch die Zeiten und Veränderungen der Jahre 2007 bis 2013, die in Georgien nicht unbeträchtlich waren, schließlich fanden nach der Rosenrevolution von 2003 und massiver Korruption im Jahr 2012 erstmals Wahlen statt, die einen friedlichen Machtwechsel zur Folge hatten. Ob auf Unintended allerdings eher private beziehungsweise von Politischem unabhängige Ereignisse verarbeitet werden, wird nicht klar – die alltägliche Natur der Textmeditationen lässt beide Vermutungen zu. Ein gewisse Ausnahme bildet das Stück »Naked«, das ein georgisches Gedicht aus dem 19. Jahrhundert vertont und von der Folkloresängerin Mzia Arabuli in der Landessprache intoniert wird. Der Inhalt besagt zusammengefasst, dass wir nackt geboren werden, im Leben nichts wirklich besitzen und nackt sterben. Diese Einsicht wird uns erfreulicherweise versüßt, indem Fender Rhodes und eine akustische Gitarre sehr easy in einem schönen Sechs-Achtel-Groove daherwabern.

Derlei Existenzielles mit geschmeidig minimaler Elektronik zu verweben, war eine Spezialität der späten Neunziger- und frühen Nullerjahre, zumal in der deutschen Elektronikszene. So erinnert Post Industrial Boys gelegentlich an frühe Kreidler– und Schneider-TM-Momente, und es ergibt Sinn, dass Dzodzuashvilis erste beiden Alben beim Label Max Ernst des ehemals allseits verehrten Minimal-Techno-Produzenten Thomas Brinkmann erschienen – wie nun Unintended bei Karaoke Kalk, auch ein guter Ort für solche Musik. Im Eröffnungsstück »Strange« blitzt regelmäßig ein schönes Glitch-Arpeggio auf, und als Westeuropäer erinnert man sich dann an deutlich entspanntere Zeiten, als die Twin Towers noch standen und das Dial-up-Modem piepste.

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