Pornos über Nahost – Emanzipation und Regression im arabischen Raum

Die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung (Collage: Kiichi Inaba)
Die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung (Collage: Kiichi Inaba)

Den dramatischen Wandel im Verhältnis des Islam zur Erotik in den letzten 200 Jahren führt der Islamwissenschaftler Ali Ghandour weniger auf die islamische Tradition selbst zurück, die einst viel Raum für Zweideutigkeiten bot. Vielmehr sei die gegenwärtige Verklemmung auf den zunehmenden Zuzug der bildungsfernen Landbevölkerung in die Städte durch die Industrialisierung und den viktorianischen Muff des westlichen Kolonialregimes zurückzuführen. Die erotische Bildung des Orients wurde dabei marginalisiert und durch Werte und Vorstellungen ersetzt, die einer als „Rationalität“ verbrämten Prüderie entsprangen, die noch heute manch christliche Gruppierung prägt.

Die Verankerung der ars erotica im frühislamischen Patriarchat unterstreicht freilich, dass Ficken gegen Krieg nicht hilft. Ganz im Gegenteil bildet die Lust von Männern auf verfügbaren Sex einen Antrieb zur sexuellen Versklavung, die als historischer Prozess zunehmender Entrechtung von Frauen und Kindern von Gerda Lerner in Die Entstehung des Patriarchats ausführlich nachgezeichnet wird. Der moralisch heuchlerische Puritanismus islamischer Gesellschaften der Gegenwart ist zu dieser Geschichte die bittere Fußnote, die erotische Lesarten des Islam und mit ihr die pornöse Tradition – etwa die Texte der arabisch-islamischen Dichter Ibn al-Rumi oder Ibn al-Haddschādsch – verdrängt hat.

Die Gleichsetzung von sexueller mit politischer Freizügigkeit zählt zu den Selbstmissverständnissen des westlichen Liberalismus. Denn es wird nicht helfen, Pornos über Nahost abzuwerfen, um die zerrissenen arabischen Gesellschaften zu befrieden, zu entspannen oder gar die rechtliche Gleichstellung unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht und sexueller Orientierung zu erwirken, um die es Rakha im Kern geht.

In Arab Porn beschreibt er eindringlich, wie der Porno im Gewebe arabischer Gesellschaften immer auch Manifest der sexuellen Gewalt ist, nicht nur in seiner Darstellung von Prostitution oder in der Praxis des heterosexuellen Analverkehrs, der dem religiösen Dogma weiblicher Jungfräulichkeit geschuldet ist. Denn selbst über ihren unschuldigsten Formen schweben stets als Drohung gesellschaftliche Ächtung und Knast.

Die Gleichsetzung von sexueller mit politischer Freizügigkeit zählt zu den Selbstmissverständnissen des westlichen Liberalismus.

Zwar ist Sex durchaus, wie Klaus Theweleit in seinem Pocahontas-Werk zeigt, eine zivilisierende Kraft – und zwar dort, wo Konfrontation und Abschottung zwischen Gruppen, Stämmen und Völkern durch ehelichen und sexuellen Mix dekonstruiert wird. Darum ist die kürzlich in Tunesien nach über 40 Jahren politischer Auseinandersetzung durchgesetzte Möglichkeit einer Ehe muslimischer Frauen mit nicht-muslimischen Männern ein so großer Schritt, die arabische Spielart des Internet-Pornos hingegen ein kleiner. Nicht zufällig kultivieren die feinen Herren von der AfD eine zum Islamismus spiegelbildliche Angst- und Sexfantasie, der muslimische Mann würde womöglich „unsere“ blonden Frauen besteigen. Freilich können nur dort, wo zusammenwächst, was für diese Hetzer nicht zusammengehört, Frieden, Freiheit und Sicherheit entstehen.

Youssef Rakha begibt sich mit seinen Gedanken zu Revolution und Porno ins diskursive Außen seiner Heimat. In einem Interview mit Susanne Schanda erklärt er sich selbst zum Flüchtling im eigenen Land: „Ich fühle mich heimatlos und gestrandet in Ägypten, wo ich nicht die persönlichen und politischen Rechte habe, die ich haben sollte, wo ich mich emotional nicht ausdrücken kann, wie ich will, wo ich am freien Ausleben meiner zwischenmenschlichen Beziehungen gehindert werde und wo mir ein stimulierender intellektueller Austausch fehlt.“ „Meine Psyche ist ägyptisch. Aber mein Denken ist europäisch.“ „Doch ich erfahre das nicht als eine dramatische Spannung. Es ist eher ein Gefühl von Traurigkeit.“ Rakha denkt im Westen – doch in Kairo fühlt er sich heimisch. Die Trauer seiner Heimatlosigkeit verleiht Arab Porn seine Dringlichkeit und Qualität.

Uns im Westen haben 16 Jahre Antiterrorkrieg umso mehr in der Identität verwirrt, je weiter wir von der Erfahrung der Trauer entfernt sind. Wer glaubte, mit sauberen Händen außerhalb des geopolitischen Spiels um die Vorherrschaft im arabischen Raum zu stehen, wurde unlängst mit Millionen von dort flüchtenden Menschen konfrontiert. Wer sich dank der im Antiterrorkrieg verteidigten liberalen Werte vor den Irrwegen des Autoritarismus gefeit wusste, sieht sich nunmehr mit dem Aufstieg rechtsradikaler Bauernfänger konfrontiert. Im Gewand von Freiheitskämpfern treiben sie genau jenen Autoritarismus voran, gegen den der Antiterrorkrieg einst vermeintlich antrat.

Heute erscheint dieser Krieg als eine von traumatischer Verletzung getriggerte, zutiefst zerstörerische Omnipotenzfantasie des Westens, die die Rückkehr des Faschismus in die westliche Demokratie eingeläutet hat. Unfähig zu Trauer oder gar Großmut entschädigt die Logik der Rache den islamistischen Terrorakt im Muster von Bombenteppichen, während sich die öffentliche Ordnung durch Überwachung, Mauerbau und Notstandsgesetze zu einer Bunkeranlage mit entsprechenden Einlasskontrollen verengt. Dabei wird die Geschichte des arabischen Autoritarismus zu unserer eigenen.

So wie der arabische Porno ein Spiegel der arabischen Gegenwart ist, sind der politische Islam und der militärische Autoritarismus Arabiens – nicht nur wegen der Milliardensummen, die der Westen in beide investiert – ein Spiegel unserer eigenen Gesellschaft, die freilich beides kann: ficken und Krieg.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Musik- und Kultur-Features in SPEX No. 377 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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