Pornos über Nahost – Emanzipation und Regression im arabischen Raum

Die Aufhebung des Begehrens? (Collage: Kiichi Inaba)
Die Aufhebung des Begehrens? (Collage: Kiichi Inaba)

Best of 2017: In seinem Essayband Arab Porn schreibt Youssef Rakha über die Wechselwirkung von Erotik, Internet und Arabischem Frühling. Stoff für einen der SPEX-Artikel des Jahres.

Sex mit Hidschab auf Video: Der ägyptische Autor Youssef Rakha beschäftigt sich seit Jahren mit Pornografie in den arabischen Gesellschaften. Er versteht sie als Kristallisationspunkt von Intimität und Öffentlichkeit, Befreiung und Unterdrückung. In seinem Essay Arab Porn analysiert Rakha nun die neuen Wichsvorlagen im Breitband-Internet und spürt damit den sozialen Entwicklungen in der Folge des Arabischen Frühlings nach.

Während der eisige Hauch des Autoritarismus über verblühende Landschaften des Westens streicht, ist der Arabische Frühling bereits vollends zum Winter erstarrt. So wurde die kurze Blüte der Zivilgesellschaft in den revolutionären Jahren seit 2010 reduziert auf die falsche Alternative zwischen einer militärischen und einer klerikalen Spielart autoritärer Herrschaft.

Dass es im Zentrum der Spiegelgefechte des Patriarchats mit sich selbst um unterdrückte Sexualität geht, ist eine alte Wahrheit der Sigmund-Freud-Schule, die bis zur sexuellen Revolution und darüber hinaus getragen hat. So ist sexueller Freisprech im popkulturellen let’s talk about sex unterdes zur Chiffre westlicher Liberalität geronnen – und hat im Universum von Matthes & Seitz entschiedene Vertreter gefunden. Der ägyptische Schriftsteller, Künstler und Verleger Youssef Rakha hat bei dem Berliner Verlag einen Essay mit dem Titel Arab Porn publiziert, der sich just an der pornösen Schnittstelle zwischen arabischem Autoritarismus und sexueller Unterdrückung abspielt. „Am [arabischen] Porno kann man erkennen, wie konservative Kräfte durch die Aufhebung des Begehrens in der Gesellschaft die kreativen und produktiven Impulse durch jene rückschrittliche, todessehnsüchtige Identität ersetzt haben, an der viele Araber heute festhalten“, schreibt Rakha.

Der Todestrieb ist die große Umwälzung im Werk des späten Freud. Seine Einführung in der 1920 erschienenen Schrift Jenseits des Lustprinzips markiert die Abkehr von dem darwinistischen Gerüst der frühen Psychoanalyse, die noch die beiden Grundtriebe der Aggression und der Sexualität als Funktionen der Selbsterhaltung deutet. Der Todestrieb wird zu einer theoriegeschichtlich einflussreichen Metapher für eine sinnlose Zerstörungswut, die im damals gerade vergangenen Ersten Weltkrieg halb Europa verwüstet hatte. Für die Faschismustheorien Erich Fromms und Wilhelm Reichs wird er zur theoretischen Grundlage. Sein Gegenbegriff, der Lebenstrieb, kurz: Eros, gibt der sexuellen Revolution der Sechzigerjahre schließlich den Takt vor.

Die historische Kulisse für Youssef Rakhas Aufgreifen der freudianischen Leitdifferenz zwischen Thanatos und Eros bildet das Desaster der Arabellion, bei dem sich die großen demokratischen Hoffnungen mit einem diabolischen Wimpernschlag in Sektierertum, Personenkult und Terror verwandelt haben. Und doch hat die Einführung des Breitbandinternets im Jahr 2000 in Ägypten eine beispiellos ehrfurchtslose und offene Rede und Praxis ermöglicht – sowohl in politischer als auch in erotischer Hinsicht.

Im erotischen Bereich entsteht dabei neben neuen Kontaktbörsen für Swinger, Homoerotik und Fremdgänger ein Genre der arabischen Amateurpornografie, das eigene Themen hervorbringt: „In dieser mentalen Landschaft können neben dem vorgetäuschten Widerstand [der Frau] viele Tropen positive Bedeutungen annehmen. Im Gegensatz zu der athletischen Dringlichkeit ihres westlichen Pendants kommt der Enthusiasmus der arabischen Frau vielleicht eher als Koketterie zum Ausdruck oder in dem Eifer, gefallen zu wollen. Wo im Westen die Verzückung der Frau fast wie eine Art Applaus wirken kann – laut, energisch, obszön –, mag die Spannung zwischen Lust und Zurückhaltung auf dem Gesicht einer arabischen Frau wie Qual oder Unmut aussehen, wobei ihre intensive körperliche Involvierung nicht so sehr Vitalität, als vielmehr Schläfrigkeit ausstrahlt.“

Die Verankerung der ars erotica im frühislamischen Patriarchat unterstreicht, dass Ficken gegen Krieg nicht hilft.

Parallel zum Entstehen sexueller Ausdrucksformen durch das Internet regrediert der neu gefundene politische Diskurs zu einer – auch im Westen wohlbekannten – Radikalisierungslogik, in der undifferenzierte Hetze und primitive Rachegelüste ein Nachdenken über fachliche, wirtschaftliche und kulturelle Mechanismen nachhaltiger Veränderung ersticken. Dabei werden, so Rakha, „selbst die von der Revolution angeheizten Säkularisten unter den Aktivisten oft zu nützlichen Idioten für den politischen Islam“.

So mutiert der Sturz des verhassten Diktators Husni Mubarak 2011 zum Sieg klerikaler Despoten um den neuen, demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi, auf den qua Militärputsch 2015 die ewige Wiederkehr des Gleichen folgt: Der starke Mann, General Abdel Fattah Al Sisi, übernimmt die Macht, umgeben von „faschistoiden, von Sisi besessenen Kriechern“ und von der Bevölkerung für seine Mannhaftigkeit verehrt.

Das Problem liegt demnach nicht beim Führungspersonal, sondern im Potenzgehabe der arabischen Gesellschaften, die „Gewalt traditionell als Männlichkeit“ und „Männlichkeit als Recht“ wertet. „Das Gesetz“, schreibt Rakha, „ist weniger ein System, um das Leben zu organisieren, es ist vielmehr eine allgegenwärtige Bedrohung verkörpert durch Staatsrepräsentanten“, „eine willkürliche Peitsche in den Händen derer, die sie schwingen können“. Das „hat damit zu tun, wie Heuchelei und Doppelzüngigkeit in den Alltag eingeschrieben sind“. Porno bedeutet in diesem Kontext vor allem eines: Erpressbarkeit. Ein Mittel zum Rufmord. Ein im Internet geleakter Porno in verfänglicher Pose bringt Existenzen zu Fall.

Doch Internet-Porno will laut Rakha noch mehr: „Zugleich jedoch kann Pornografie in einer Kultur der Heimlichkeit und Verleugnung befreienden Zugang zu öffentlich unzulässigen Wahrheiten gewähren. Ob es bewusst geschieht oder nicht, in selbstgemachten Pornos bejahen Araber, die außerstande oder nicht willens sind, den kulturellen Regeln zu folgen, ihre sexuelle Existenz.“ Rakha träumt sich in die Entspannung: „Vielleicht wird diese Bewegung, wie der Aktivismus, den Sprung vom Cyberspace in die Wirklichkeit schaffen. Dann wird Eros ein normalerer Platz unter den Göttern zukommen, die öffentlichen Plätze werden entspannter und die Menschen weniger gewalttätig und lebensmüde sein.“. So wichtig die Forderung, die Moralapostel zu entwaffnen, auch sein mag – wie plausibel ist Sex als Heilmittel für eine Kultur der Gewalt?

Der französische Philosoph Michel Foucault zählt die arabisch-muslimische Kultur, die einst im Westen für ihre Sinnenfreude und sexuelle Freizügigkeit verehrt und verklärt wurde, zu jenen Hochkulturen, die – im Gegensatz zum damals puritanischen Westen – eine eigene ars erotica hervorgebracht haben, die das Wissen um sexuell stimulierende Praktiken überliefert.

In der muslimischen Tradition gibt es eine Fülle von Texten, die hemmungslos von der Lust erzählen – auch der homoerotischen, die etwa in die Paradiesvorstellung des Koran Eingang gefunden hat. Dazu zählen auch zahlreiche Überlieferungen des Propheten Mohammed, der seinen männlichen Anhängern Ratschläge gab, wie sie und ihre Frauen Sex genießen können. So ist der Islam die einzige der drei in Nahost entstandenen Weltreligionen, in der ein Recht der Frau an sexuellem Genuss verankert ist.

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