„Moral muss wehtun!“ – Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit im Interview

Foto: Ali Ghandtschi

Solche NGOs machen Angebote für langfristiges politisches Engagement. Die gibt es beim ZPS ja nicht. Stattdessen bauen Sie nach eigenen Worten „moralische Hochdruckkammern“. Aber was soll passieren, wenn man aus der Hochdruckkammer herauskommt und etwas tun will? Dann sind die genannten Initiativen eine Option.
Es entsteht gerade Wundervolles. Nach unserer Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ hat ein Unternehmer aus Berlin ein altes Schiff aufgekauft und betreibt seither Seenotrettung im Mittelmeer, „Sea Watch“ heißt das Projekt. Genau das können wir tun, die richtigen Menschen auf bestimmte Verbrechen unserer Zeit aufmerksam machen. Was man dagegen tun kann, fällt den meisten Menschen schon noch selber ein. Mein neues Buch ist deshalb auch keine Gebrauchsanweisung. Es richtet sich an Menschen, die glauben, auf sie komme es nicht an, sie seien eh nur ein Staubkorn im Universum.

Sie haben bei dem bekannten Politikwissenschaftler Herfried Münkler über den Begriff der Ehre promoviert. Tauschen Sie sich mit ihm über die Aktionen des ZPS aus?
Jetzt kann ich es ja sagen: Herfried Münkler steckt hinter dem ZPS und denkt sich all die Aktionen aus!

„Die Frage ist nicht, ob der Holocaust singulär ist. Die Frage ist: ob er es bleiben wird“

Genial, das muss sofort auf den Presseticker! Spaß beiseite: Wie verhält sich Ihre akademische Arbeit zu Ihrer künstlerischen Arbeit?
Da gibt es keinen Zusammenhang. Letztes Jahr habe ich den Schalter endgültig von Wissenschaft auf die Kunst, also genauer: Theater umgelegt. Was ich an der Wissenschaft schätze – die aufwändigen Recherchen –, das lässt sich mühelos bei jeder unserer Aktionen weiterbetreiben. Natürlich sind sechsmonatige Recherchen aber finanziell etwas prekär.

Das ZPS finanziert sich durch Fördermitgliedschaften, oder?
Und durch die eine oder andere Inszenierung am Theater, ja. Dieses Jahr haben wir am Schauspielhaus Dortmund das Stück „2099“ entwickelt. Die Aktionen sind extrem teuer und der Aufwand ist riesig. Wenn man wie bei „Die Toten kommen“ Leichen durch halb Europa karrt, produziert das Regalmeter an Akten, Genehmigungen und Dokumenten. Wir haben da im Grunde keine Kunst produziert, sondern Genehmigungen.

Die Kreuze, mit denen die Teilnehmer von „Die Toten kommen“ durch Berlin gelaufen sind, wirkten düster. Klar, es gibt das skandalöse Massensterben an den Außengrenzen. Gleichzeitig sind Refugees nicht nur Opfer, sondern Individuen, die mit großer Kreativität gegen unglaubliche Widerstände ein besseres Leben suchen und ein Teil unserer Gesellschaft geworden sind. Haben Sie sich die Frage gestellt, ob Geflüchtete sich in der morbiden Symbolik von „Die Toten kommen“ eigentlich wiederfinden?
Auf jedes Boot, das gerettet wird, kommt eines, das untergeht. Der Tod gehört komplett zur Geschichte der heutigen Fluchtbewegungen dazu. Wir lassen die Leute nicht in Flugzeuge steigen, sie dürfen sich kein Ticket für 800 Euro kaufen, sondern müssen eine illegale Schlepperreise für 10.000 Euro bezahlen, für ein völlig überladenes Boot, in das sie einsteigen und das dann auch noch kentert. Was von Deutschland in den Geschichtsbüchern übrig bleibt, ist die Abschottungspolitik, die jedes Jahr tausende Menschen tötet.

Die Aktionen des ZPS müssen generalstabsmäßig organisiert werden, nichts darf vor Tag X an die Öffentlichkeit dringen. Bei einer Diskussionsveranstaltung im Berliner Gorki-Theater fragte neulich Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, besorgt, ob Sie der Zwang zu Konspiration und Geheimhaltung nicht psychisch deformiere.
Wenn man ein komplettes Denkmal aus dem Regierungsviertel abtransportiert, sollte man das jetzt nicht vorher bei Facebook posten, das ist klar. Aber das ist kein Zwang oder Leiden, sondern eine Wohltat: Man verordnet sich eine Abstinenz in der Öffentlichkeit. Wenn man nur ab und an mit einer Aktion in die öffentliche Debatte eingreift, dann ist das etwas Schönes.

Geheimhaltung ist produktiv?
Es geht da nicht um Geheimhaltung, sondern um künstlerische Intimität. Zudem halte ich es eher mit dem Werkbegriff und mag Autoren und Künstler nicht sonderlich, die von dem, woran sie gerade arbeiten, überall herumerzählen. Kulturschaffende, die von Dingen erzählen, die sie noch gar nicht fertig haben, machen mich misstrauisch.

Sie wollen also nichts über kommende Aktionen verraten?
Nö.

Dieses Interview erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 366, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

14 KOMMENTARE

  1. Bei aller Sympathie für den Impetus von Philipp Ruch und der ZPS: Die Kategorie des „Schönen“ halte ich für deplatziert, für eine Nebelbombe, für ein aus dem Entzücken über die eigene Begeisterung entstandene Kopfgeburt. Diese Message holt die Menschen nicht ab. Die Welt wäre so schön, wenn alle moralisch handelten. Ja, bestimmt. Aber wie unrealistisch ist diese These, sie taugt noch nicht mal als Credo. Das Credo muss anders lauten, es geht um Moral. Welche Moral wollen wir leben? Ist es opportun, an seinem eigenen Lebensglück zu stricken, während in Afrika und Asien Millionen Menschen vor die Hunde gehen? Ist es opportun, im Übermaß Energie und Wohlstand zu vergeuden, statt zu teilen und mitzuhelfen, diese Welt besser zu machen als sie ist? Ist es opportun, Facebook & Co für die eigene Profilierung zu nutzen, für seichte Bilder und coole Sprüche, statt das Potential der Medien für INFORMATION und SOLIDARISIERUNG zu erschließen??? Es ist ja nicht so, dass wir nicht WISSEN (könnten), wie es um diesen Planeten bestellt ist. Es ist auch nicht so, dass wir Menschen die Macht von Konzernen und korrupten Regierungen nicht brechen könnten. Aber wir/viele von uns sind nun mal ich-bezogen, bis zur Lethargie eingespannt, von morgens bis abends mit dem Zurechtkommen beschäftigt, und mancher sieht sein Heil, seinen Vorteil in „unschönen“ Wegen. Wir sind nicht nur die Kinder des Kapitalismus; wir wissen keine Alternative. Irgendwoher muss die Kohle ja kommen. Das ist das, was die Leute beschäftigt, und nicht irgendwelche todesmutigen Afrikaner auf dem Weg in ihre Apokalypse auf dem Mittelmeer. Ich halte es für realitätsfern, den Menschen mit der Schönheit einer moralisch richtigen Lebensweise zu kommen, für realitätsfern und letztlich auch zynisch. Man wird die Menschen nie erreichen mit der Botschaft „So wie ihr lebt, macht ihr es falsch!“ sondern nur durch das Vorleben einer moralisch integren Alternative. Das hätte bedeutet: Höcke mit dem Holocaust-Denkmal-Double konfrontieren, aber nicht ihn ausspionieren, erst recht nicht diese These vom „aggressiven“ Humanismus entwerfen. Und nur dann scheint mir die Kunst ein probates Mittel, indem sie Aufmerksamkeit weckt; leise, aber umso überzeugendere Töne anschlägt, das Herz der Menschen empfänglich macht, statt sie zu beschuldigen und zu verprellen.

  2. ich bin ja eher der „amoralist“. moral, genau so wie religion ist etwas für menschen die sich über andere – moralisch – erhöhen wollen. ich lehne beides ab. für mich ist dies alles einfach eine frage der vernunft. bei all meinem handeln muss ich stets im auge haben ob es vernünftig ist. was es mir bringt, auch langfristig, dh meinen erben. fällt mein handeln auf mich zurück? was habe ich von diskriminierung (ausser einer erhöhung meines erbärmlichen ego), was selbiges letzlich doch nicht aufwertet. was habe ich von der zerstörung meiner umwelt, ausser dass ich mir damit, im wahrsten sinne des wortes, damit selbst das wasser abgrabe. was habe ich von machtpolitik, ausser, dass ich mich ständig gegen irgendwen wehren muss. lasst mich bitte mit moral in ruhe. moral und religion sind die URSACHE ALLEN ÜBELS auf dieser welt.

  3. Was das „Zentrum für politische Schönheit“ bezwecken will – allein der Name – weiß nur dieses Zentrum selbst. Diese nicht über den Rand denkende Truppe maßt sich an, Leute mit hingeschissenen Bauten zu irgendetwas zu bewegen, anstatt sich selber mal geschichtliche Hintergründe zu verschaffen, aber nachplappern ist ja so einfach und die Meinung der Meisten ist bestimmt richtig – es lebe Facebook und die ganze inter(anti)soziale Welt ! Was diese Menschen an „Schönheit“ draufhaben, wurde ja nun abgedruckt. Allerdings sind solche Menschen für mich nicht landes – und volksverbunden. Interessant ist, dass solche Menschen Geld aus dem amerikadeuitschen Staat beziehen – und dass nicht wenig – um das deutsche Volk immer weiter zu verunglimpfen, ihren Reibach dabei zu machen und drauf scheißen, wie es dem einzelnen deutschen Bürger geht ! Es lebe die Kollektivschuld !

  4. Um mich nicht strafbar zu machen , bezeichen ich dfiese Argumente nur als Unsinn ,
    Mit etwas gesundem Menschenverstand wird man diese Gruppe nicht ernstnehmen
    P.Müller

  5. Ich habe Henner B. kaum was hinzuzufügen. Lediglich ein bisschen Ausgleich wäre da angediegen, denn all das was opportun dahingestellt ist wird auch manigfaltig genutzt. Facebook wird zur Eigenprofilierung (Werbung) genutzt, wie es für die Freundschaftspflege oder zum Zwecke der Information genutzt wird.
    Nun ist die Menschliche Seele oder der Geist kein Stellschraubenkonstrukt, kein Klangmix-Board, wo man nur mal einen Regler aufdrehen muss, damit das Stück sich ändert. Sie ist auch nie einseitig, vielleicht gleichförmig, aber nie nur in eine Richtung gespannt. Es gibt ja nicht nur einen Menschen und damit nicht nur eine Meinung und eine Wirkung. Das man sich mehr von etwas wünscht ist ganz natürlich. Doch die meiste Wirkung erzielt man dadurch, wie Henner B. sagte, indem man sie vorlebt und täglich mit umgeht. Überzeugen kann man vielleicht mit Worten aber Nacheifern nur mit Taten. Jeder Mensch zählt aber die große Rechnung wird nie kommen. Darin seinen Frieden zu finden bedeutet, dass ein Teil schon wie das Ganze sein kann. Anders gesagt: „Wenn nur ein Mensch erreicht wird, dann hat sich die Sache schon gelohnt.“ Das halte ich für die Schönheit der Moral.

  6. Der Kommentar von Henner B. bringt es auf den Punkt, dem hab ich nicht mehr viel hinzuzufügen. Entgegen seiner eigenen Wahrnehmung, habe ich Phillip Ruch als überhaupt nicht „unfassbar schön“ wahrgenommen, mag seine Intention auch subjektiv noch so schön sein – seine immer latent durchscheinende Anklagen, anstelle eines Zeigens des Weges, ist mir sehr zuwider und erinnert mich an autoritäre Erziehungsversuche meiner Eltern damals, die immer eher in die andere Richtung Wirkung zeigten.

    „Moral muss wehtun!“ bringt dies auch auf den Punkt…. ich habe gerade das Tao Te King von Laotse hier liegen, und im Taoismus ist ein solches Handeln als der falsche Weg beschrieben:

    „Das hohe LEBEN ist ohne Handeln und ohne Absicht,
    Das niedere LEBEN handelt und hat Absichten:
    Die Liebe handelt und hat nicht Absichten.
    Die Gerechtigkeit handelt und hat Absichten.
    Die Moral handelt, und wenn man ihr entgegenkommt –
    so fuchtelt sie mit den Armen und zieht einen herbei.
    (…)Diese Moral ist Treu und Glaubens Dürftigkeit
    und der Verwirrung Beginn.“

    Das „Handeln“ ist in diesem Fall eben die Aktion, das Anklagen, das „Wehtun“ – der wahre Weg ist dabei schon längst verloren, und die Menschen werden noch mehr gespalten. Wie es mein Vorredner schon formulierte, nur ein Vorleben (ein Nicht-Handeln im taoistischen Sinne) führt wieder auf den richtigen Weg. Viele Worte, manch Verlust, besser man bewahrt sie in der Brust. Moral ist wirklich nur ein Zeichen eines schon falsch gegangenen Weges, wahres Leben braucht keine Moral, sondern nur Handeln durch Nicht-Tun.

    Zudem kann ich nicht umhin, als die von ihm kritisierte Selbsbezogenheit auch eben bei ihm selbst zu erkennen; wieso ist es falsch, dass die Leute Das Geheime Leben der Bäume lesen? Welcher Standpunkt erlaubt es, dies anzuklagen? Sein eigener allein… Jeder Mensch findet seinen eigenen Weg, und manch einer muss erst durch einen Wald laufen, um zu einer Lichtung zu gelangen – ihm aber deswegen zum Vorwurf zu machen, den Wald erst zu durchqueren, ist ein falscher, eben selbstbezogener Ansatz; ihm zu zeigen, dass es eine Lichtung gibt, widerum nicht.

  7. Der ist einfach ein verblödeter, ahnungsloser volldepp. Benutzt Fremdwörter die er vor jedem Interview auswendig gelernt hat um zu imponieren. Herr Höcker ist ihm jedoch intellektuell weit überlegen. Er sollte da arbeiten wo er hingehört: im Lager, müllentsorgung, GebäudeReinigung etc.und nicht unüberliefernswerte Phrasen dreschen. Wenn er etwas von der Materie verstehen würde die er intoniert, wäre das etwas anderes.

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