Pharoah Sanders, James Holden, Ben Frost bei Le Guess Who?

Methusalem-Solo, stehend: Pharoah Sanders beim Le Guess Who?
Methusalem-Solo, stehend: Pharoah Sanders beim Le Guess Who?

Tag drei beim Le-Guess-Who?-Festival in Utrecht. Die Konzerthöhepunkte von Pharoah Sanders, James Holden und Ben Frost widmen sich der Macht des Trötens. Und den Vorzügen des Sitzens.

Der Mann ist eine Lunge auf zwei kurzen Beinen, geziert von einem Methusalembart. Und er ist ein Showman vor dem Herrn. Pharoah Sanders muss gar nicht mehr machen, als auf seinen abgetretenen Sneakers in weiten Kreisen und Mini-Trippelschritten über die Bühne des Grote Zaal im Tivoli Vredenburg zu schlurfen, um für Szenenapplaus, Jubelschreie und Begeisterung zu sorgen. Man staunt: Das mit dem Solieren hat Sanders längst auch ohne sein Tenorsaxofon drauf.

Seinen pharaonischen Vornamen bekam Farrell Sanders einst von Sun Ra verpasst, an der Seite von John Coltrane führte er Jazz Mitte der Sechziger in atonale Freiräume. Im Oktober 2017 wurde er 77 Jahre alt, hier und heute in Utrecht spielt er ein seit Jahrzehnten bewährtes Programm seiner beliebten und überaus harmonischen Jazz-Schmeichler, allerdings so, wie es nur wahre Altmeister drauf haben: ebenso charismatisch wie ökonomisch. Kein unnötiger Einsatz, kein Ton zuviel, jede Note und jede Geste am richtigen Platz. Und er selbst auf seinem eigenen Thron.

Den Großteil des Auftritts beim Le Guess Who? verbringt Sanders nämlich am hinteren Bühnenrand, sitzend. Er lässt sein überaus kompetentes Schlagzeug-Kontrabass-Klavier-Begleittrio seinen Job tun, bevor er – Applaus! Jubel! Begeisterung! – wieder aufsteht und eine Runde vor ans Mikrofon schlurft. Der Kontrast zwischen tattergreisiger Gestalt und traumwandlerisch sicherem Ansatz und Ton macht Sanders Auftritt nur noch eindrucksvoller.

Der Mann gibt dem Publikum, was es braucht, und hat seine rund 1.800 Bewunderer im Tivoli schon mit der leisesten Andeutung von Methusalem-Arschgewackel in der Hand. Selbst für Mitsing-Animationsspielchen und etwas zweifelhafte clowneske Einlagen ist er sich nicht zu schade. Die Menschen bejubeln den langen Atem, den sie sich selbst wünschen: Wer möchte mit Ende 70 nicht auch noch so viel Luft und Odem in der Lunge haben? (PS: Am 14. November ist Pharoah Sanders live in Berlin zu erleben, SPEX präsentiert, hier alle Details.)

Die Schönheit des Sitzens ist auch James Holden und seiner Band The Animal Spirits nicht verborgen geblieben. In kreisrunder Formation haben sich der Maschinenbastler aus Exeter und vier Mitmusiker an Schlagzeug sowie diversen Percussion- und Blasinstrumenten auf der Bühne des zweitgrößten Tivoli-Saals niedergelassen. Ihrem 60-minütigen Space-Jam-Set verleiht dieser Umstand das letzte bisschen Sit-in-Charakter: Das Le-Guess-Who?-Festival erlebt seinen ersten wahren Hippie-Moment des Wochenendes.

Hippie-Sit-in (mit Stehbläsern): James Holden And The Animal Spirits beim Le Guess Who?
Hippie-Sit-in (mit Stehbläsern): James Holden And The Animal Spirits beim Le Guess Who?

Auf ihrem jüngst veröffentlichten Album The Animal Spirits (Album der Ausgabe in SPEX No. 377!) öffnete Holdens neu zusammengestellte Band den bewährten Emo-Techno des Musikers für Einflüsse aus Free-Jazz, Art-Rock, Afrobeat und menschenfreundlichem Getröte – als habe Holden, der auch zu den Kuratoren des Le-Guess-Who?-Programms gehört, eine Brücke zwischen anderen auftretenden Künstlern wie Sanders, Han Bennink, Thurston Moore und dem Sun Ra Arkestra bauen wollen. Das energische Treiben der Platte bringen The Animal Spirits verlustfrei auf die Bühne: dichter und versierter spielen an diesem Wochenende nicht viele auf.

Vollkommen unnötig deshalb: die psychedelisch wabernden Visuals im Hintergrund der Bühne. In farbenfroher Klischeeverliebtheit illustrieren sie den imaginierten LSD-Trip eines Menschen, der ganz offensichtlich noch nie LSD genommen hat – und irritieren zudem mit einer unangebrachten Fokussierung auf die Bewegungen von Bandleader Holden auf seinem Sitzkissen. Hier wird der sonst so zielführend umgesetzte Teamgedanke der Show untergraben. Man wünscht sich fast, es stünde mal jemand auf, um den Blick auf die Leinwand zu verdecken.

Den Job, die Standhaftigkeit des Publikums und die Erdbebenfestigkeit des gesamten Gebäudekomplexes dann doch noch einem gründlichen Test zu unterziehen, übernimmt Ben Frost. Der aktuelle Titelheld von SPEX No. 377 lässt die Betoneingeweide des Tivoli bei seinem Auftritt im Ronda erzittern, einem Saal mit demselben Fassungsvermögen wie der Grote Saal eine Etage tiefer und ebenso gut gefüllt wie dieser beim Auftritt von Pharoah Sanders drei Stunden zuvor. Ben Frost fesselt sein Publikum im doppelten Wortsinn: Seine Überdruckklänge faszinieren und nehmen das Publikum im konkret körperlichen Sinn gefangen. Kaum jemand scheint fähig sich zu bewegen, die Atmosphäre ist spannungsgeladen und äußerst konzentriert.

Surfer-Dude mit Jesusmähne: Ben Frost beim Le Guess Who?
Surfer-Dude mit Jesusmähne: Ben Frost beim Le Guess Who?

Frost spielt hauptsächlich Stücke seines aktuellen Albums The Centre Cannot Hold, dessen Synthesizer- und Gitarrenklängen Steve Albini im Studio viel grobkörnige analoge Sättigung und ungemeine Wucht verpasst hat. Frost schafft es, diese Energie auch live zu entfesseln. Er taucht sonisch und optisch – mittels Doppelprojektionen auf eine semitransparente Glitzerleinwand – ab in eine Unterwasserwelt aus blauen Schwaden und purer Klangdichte. Durch den Überdruck der von allen Seiten drängenden Wellen fiept, wie die letzte Verbindung zu den Landmassen jenseits dieses versunkenen Atlantis, von fern ein Echolot.

Frost steht barfuß mitten in diesem Getöße und lässt seine blonde Jesusmähne wogen. „Surfer-Dude in Muscle-Shirt“, hört man jemanden im Publikum sagen, als der Schalldruck kurzzeitig doch nachlässt, die Spannung aber eher noch steigt. So kann man das natürlich auch sehen. Trocken, gefesselt, fasziniert. Prognose: Wenn Frost so weitermacht, vertont er irgendwann die Point-Break-Fortsetzung von Kathryn Bigelow. Tröööt!

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