Phantom Ghost Pardon My English

phantom-ghost-pardon-my-english Dial / Kompakt / Rough Trade — 18.06.12

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»Der Schrägstrich ist jetzt endgültig weg.« Das ist vielleicht Dirk von Lowtzows wichtigster Satz im Pressetext zum neuen Album von Phantom Ghost (vormals Phantom/Ghost). Denn das heißt Abschied nehmen von der rhetorischen Form, Abschied von der Ironie, von der Distanz, vom Projekthaften. Das heißt, Phantom Ghost sprechen mit Pardon My English von einem Ankommen.    Ankommen in Berlin. Im Berlin eines Christopher Isherwood. Die Songs knüpfen an die für einen Moment wahr gewordene Utopie an, an die euphorischen 1920er/frühen 1930er Jahre, an das Berlin des gegen jegliche Autoritäten triumphierenden Menschen. Cabaret, Kleinkunst und Bürgertum: nicht als Schimpfworte, sondern – auch heute wieder – als Errungenschaften gegen den uns umgebenden Feudalismus.    »A cigarette is the perfect type of a perfect pleasure. It is exquisite, and it leaves one unsatisfi ed.« (The Picture Of Dorian Gray, 1890) Der Master of Ceremony lehnt mit gebrochenem Fuß in einer Mischung aus lässiger Eleganz und deutscher Steifheit am Flügel, in der Hand die Zigarette. Als Geste zieht sie sich durch das Album, wenn sie namentlich auch nur in einem Song Erwähnung findet. In diesem wird endlich das Bild eingefangen, dass man sich die Zigarette heute eben nicht mehr im Zimmer ansteckt, sondern auf dem Balkon. In The Tittery heißt das Lied, und es ist das anzüglichste des Albums (»baby tits singing for me«), in dem das sehnsüchtige Verlangen des Ich-Erzählers durch den Gesang kleiner Meisen noch vergrößert wird; des Kokettierens kein Ende, singt von Lowtzow mit Michaela Meise im Duett.    Dirk von Lowtzows Stimme ist zu einer angenehmen Rauheit gereift, er schwingt sie zu kleinen Schlenkern auf, ein hübscher Manierismus, bleibt dabei immer elegant, aber mit Brüchen, an denen man durchaus hören kann, dass er doch schon einiges erlebt hat und davon nicht unbedingt alles schön war. Der Gesang erinnert in seiner Intonation und Klarheit an David Ackles; er hat nichts vom verwöhnten Nuscheln eines Rufus Wainwright, ist nicht so pathetisch wie Scott Walker, nicht so überbordend camp wie Marc Almond oder Baby Dee. Wenn er mit seinem deutschen Akzent die wenigen deutschen Vokabeln artikuliert, klingt er wie der Bryan Ferry einer Parallelwelt, der einen Deutschen imitiert, der einen Engländer parodiert, der Brecht-Texte skandiert.    Thies Mynther hält sein Klavierspiel einfach, hält sich an die Harmonien, geizt mit Melodieerfindungen, bricht eher Akkordfolgen auf, erdet gewissermaßen die Worte, die wie auf dem Album zuvor sich an einer Welt wie der von Noël Coward nähren – und tatsächlich auch nähern, so weit man das als native German speaker eben kann. Das gelingt ihm mehr als ordentlich, mit feinem Humor bar jedes Zynismus, auch weil von Lowtzow Wissen eher andeutet, lieber den guten Reim sucht, seine Texte auf ein Bild beschränkt, also sich eher in der Moderne zu Hause fühlt, als in der in ihrer Erklärbarkeit historisch davor liegenden Postmoderne wie beispielsweise ein Referenzmeister wie Nick Currie alias Momus.    Posen, Stil und Dandyismen, der ins gehobene Bürgertum abgestiegene Adel; man trifft sich in Zwischenwelten, Hochkultur mag man die schon nennen, auch hier eine eigene Gesellschaft mit eigener Moral. Phantom Ghosts Vaudeville ist ein europäisches; wenn Broadway, dann mit einem Westend-London-Blick auf Irving Berlin, Cole Porter, Charles Strouse. Und so ersetzt von Lowtzow in Smashing New York Times, der einzigen Coverversion des Albums, frech das Time Magazine durch Q.    Pardon My English ist eine Sammlung exquisiter Miniaturen, die einen nach dem Hören unbefriedigt zurücklassen. Und natürlich ist genau das das perfekte Vergnügen. Gleich der Zigarette bei Oscar Wilde.

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Video — Phantom Ghost Dreams Of Plush (Regie: Sandra Trostel)

3 KOMMENTARE

  1. Fällt nur mir das auf oder ist ‚Dreams Of Plush‘ tatsächlich kein Pastiche von Lowtzows höchsteigenem ‚Verschwör dich gegen dich‘?

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