Peter Walker im November auf Tour

Mit seinem Album Has Anybody Seen Our Freedoms? geht Peter Walker im Herbst auf Tour. SPEX präsentiert seine Deutschlandtermine im November.

Manche Musiker brauchen vielköpfige Bands, um zu einem Klang­bild zu finden, das ähnlich komplex ist wie jenes, das der gebürtige Bostoner Peter Walker allein mit einer mit Stahlsaiten bespannten Akustikgitarre erzeugen kann. Wie Meereswellen branden die Akkorde des Fingerpicking-Maestros rauschend heran, brechen sich gischtnebelbildend, schwellen dann langsam wieder ab, um einem erneuten Crescendo zu weichen und plötzlich wie ein Funkenregen kleine Glutbällchen in alle Himmelsrichtungen zu versprühen.

Dunkle Drone-Klänge grundieren, darüber entfalten helle Akkor­de eine kleine idyllische Skizze, bevor ein kühner, kräftiger Pinsel­strich den Entwurf tilgt und sich ein neues Bild aufbaut. Peter Wal­ker malt mit Klang. Dazu hört man erstmals seinen ungelenken, doch sanften Singsang, der von der Liebe, dem ständigen Reisen und den verwaschenen Nachbildern der Träume der 60er-Jahre erzählt. Auf den sieben Stücken dieses schon 1970 ohne jede Nach­bearbeitung aufgenommenen Albums, das eigentlich Walkers drit­tes hätte sein sollen, dessen Aufnahmen dann aber 43 Jahre lang in seinem alten Truck lagerten, entfaltet sich ein Bewusstseins­strom, der erst enervierend wirkt und später eine kraftvolle Ruhe entfaltet, der zugleich primitivistisch und filigran klingt, der seine rauen Seiten hat und doch von großer Zartheit ist.

Die Stücke verbinden die repetitive Struktur indischer Ragas mit kratzigen Schrummel-Sounds, die nach den Sümpfen des Mississippi-Deltas schmecken. Ein Konzert des Sitarspielers Ravi Shankar in San Francisco bringt Walker, der 1938 als Sohn eines Folkgitarristen und einer klassischen Pianistin geboren wurde, mit indischer Musik in Berührung. Später studiert er mit George Har­rison als Kommilitone bei Shankar, bevor er sich in ein von Ali Akbar Khan geleitetes Ausbildungslager für angehende Raga-Gitarristen begibt, dessen Zwölf-Stunden-Tage eher an militärischen Drill als an psychedelisches Laissez-faire erinnern.

Walker meint es ernst. Mit dem oberflächlichen Räucherstäb­chenflirt mit Fernöstlichem und dem stark ermäßigten Kifferbuddhismus des Zeitgeistes hat er nichts am Hut. Anfang der 60er-Jahre entdeckt er den Flamenco und reist nach Spanien, um sich in den Cuevas von Sacromonte bei Granada von den Gitarren­meistern der Roma in dessen Kunst schulen zu lassen. Zu seiner Verblüffung stellt er fest, dass die Muster der indischen und andalu­sischen Musiken eine gemeinsame DNA aufweisen. Später findet er heraus, dass es dafür historische Gründe gibt, die bis ins Mittel­alter zurückreichen und mit der Verschleppung indischer Musiker nach Spanien im Zuge der muslimischen Eroberungen in Südasien zu tun haben. Zurück in den USA wird er Teil der blühenden Folkszene des Greenwich Village. Walker wird zum engen Freund des Folkmusikers und Ausnahmegitarristen Sandy Bull und der verbluesten Folkschmerzensfrau Karen Dalton. Als Dr. Timothy Leary seine Psychologiedozentur in Harvard verliert und seine mit einem Kreis von Adepten umgesetzten experimentellen Forschungen über Psilocybin, Meskalin und LSD auf seinem Privatanwesen in Mill­brook, New York, fortsetzt, ernennt er Walker zum Musikdirektor, Zeremonienmeister und akustischen Reiseleiter dieser lysergischen Abenteuerurlaube. 1966 nimmt Walker sein wunderbares Debüt Rainy Day Raga auf, zwei Jahre später folgt Second Poem To Karmela Or Gypsies Are Important. Dann verschwindet er für fast 40 Jahre von der Bildfläche, heiratet, wird dreifacher Vater, arbeitet. Das nächste Lebenszeichen ist das Album A Raga For Peter Walker von 2006, auf dem Musiker wie Thurston Moore, James Blackshaw und Jack Rose dem Woodstock-Residenten Tribut zollen, der selbst vier neue Stücke beisteuert.

Seitdem hat Walker, der auch während seines langen Rückzugs aus der Öffentlichkeit jeden einzelnen Tag, immer einmal gleich nach dem Aufstehen, stundenlang Gitarre spielte, zwei weitere grandiose Alben aufgenommen, die an seine frühere Beschäftigung mit dem Flamenco anknüpfen. Noch immer ist der inzwischen 76-Jährige auf der Suche nach neuen Klängen. Wie einem östlichen Weisen ging es ihm nie um Außen-, sondern stets um Innenwirkung. Daher wirkt auch Has Anybody Seen Our Freedoms? wie ein innerer Monolog, der nicht auf Zuhörer zielt, auch nicht auf dem verbreite­ten pubertär-romantizistischen Negativumweg eines wohlfeilen »Ich bin Künstler und spiele nur für mich«. Gerade weil er eine solche Selbstgenügsamkeit ausstrahlt, die sich fern von allem Appellativen bewegt, hört man ihm so gern zu.

SPEX präsentiert Peter Walker live: 
19.11. Berlin – Monarch
22.11. Köln – Stadtgarten

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