Paul Verhoeven – „Sogar meine Hunde sind weiblich“

Foto: Paul Verhoeven von Andy Kania

Gibt es ein System, in dem Sie lieber arbeiten?
Für mich war die Arbeit in der amerikanischen Filmindustrie meistens sehr angenehm. Natürlich kann man bei einem Film wie Elle wegen seines geringen Budgets in eine andere, sagen wir, künstlerischere Richtung gehen. Man muss die Leute nicht wegblasen wie bei einem Hollywood-Film, wo alles larger than life ist und ein bestimmtes Level an Unterhaltung gegeben sein muss. Als Regisseur passt man sich an das Budget an und entscheidet, wie künstlerisch oder intellektuell man einen Film inszenieren kann. Je stärker man sich aber in diese Richtung bewegt, desto schwieriger ist es auch, Zuschauer zu finden. Für Elle wird sich das große Publikum nicht interessieren, aber das heißt nicht, dass man so einen Film deshalb nicht machen soll. Ich fühle mich da wie meine Tochter Helen, die als Künstlerin in Berlin lebt. Sie malt Bilder in verschiedenen Formaten, mal sind es große, dann wieder kleine.

Hatten Sie je ein Problem mit der immer noch weit verbreiteten Vorstellung, dass Kunst und Popkultur unvereinbar sind?
Nein, gar nicht. Ich denke natürlich, dass Kunst auch Popkultur sein kann. Film und Wirtschaft kann man nie voneinander trennen. Kino ist immer auch auf die finanziellen Möglichkeiten des Projekts bezogen. Wer das verneint und sich ausschließlich auf seine Kunst konzentriert, macht irgendwann Filme, die keiner mehr sehen will. Das andere Extrem wäre eine Produktion wie Batman V Superman: Dawn Of Justice, die nur noch die wirtschaftlichen Gegebenheiten berücksichtigt und kein Interesse mehr daran hat, etwas von Wert zu schaffen. Ich denke, dass man in beiden Bereichen interessante Filme machen kann.

Lassen Sie uns über die Frauenfiguren in Ihren Filmen sprechen. Die sind sehr selbstbewusst, den Männern im Nahkampf ebenbürtig, dabei sinnlich und verführerisch. Gab es in Ihrem Leben bestimmte Personen, die dieses Bild geprägt haben?
Nun ja, ich habe vor langer Zeit eine Frau geheiratet, die sehr viel Selbstvertrauen besitzt und tut, was sie will. Und bei meinen Töchtern ist das genauso. Ich habe einen Großteil meines Lebens in einer Frauenwelt gelebt. Sogar meine Hunde sind weiblich. Ich fühle mich in Gegenwart von Frauen einfach wohler.

„Einen BH muss man irgendwann ablegen. Das ist beim Sex nun mal so.“

Die Frauen in Ihren Filmen sind selbstbestimmt, aber nicht auf eine stereotype, fast langweilige und lustfeindliche Art, wie man sie häufig im Kino sieht. Nehmen wir Nomi, die Heldin aus Showgirls: Schon allein, weil es ihr Traum ist, in Las Vegas vor einem möglichst großen Publikum nackt zu tanzen, würden viele sie nicht als emanzipiert bezeichnen.
Nur weil sie ein anderes Leben führt, heißt das ja nicht, dass etwas faul mit ihr ist. Nomi kommt eben aus einem anderen, eher proletarischen Milieu und bewegt sich deshalb auch in einer anderen Liga. Ihr Traum ist es, Tänzerin in einer großen Las-Vegas-Show zu sein. Im Kino muss eine Figur ein Ziel verfolgen, das für sie realistisch ist, ansonsten wäre es verlogen. Obwohl es für manche irritierend sein mag, dass Nomi sich vor anderen Leuten auszieht, hat sie tatsächlich einen großen Schritt nach oben gemacht. Und sie behält dabei die Kontrolle und bleibt selbstbestimmt. Eine Konkurrentin tritt sie zum Beispiel einfach von der Treppe, weil sie ihren Job haben will. Man kann ihr also nicht vorwerfen, dass sie kein Ziel hat.

Der offene Umgang mit Sexualität ist eines der prägnantesten Merkmale Ihrer Filme. So wie in Elle. Es geht darin um die Chefin einer Computerspielfirma, die von einem Maskierten vergewaltigt wird. Statt sich der Opferrolle zu fügen, lässt sie sich auf ein gefährliches Spiel mit ihm ein. Isabelle Huppert zeigt in der Rolle ihre Nippel, was bei Schauspielerinnen in ihrem Alter als Tabu gilt. Wie haben Sie das geschafft?
Ich habe sie ins Bild reingemalt (lacht). Nein, natürlich haben wir zuvor über Nacktszenen gesprochen. Man kann so etwas nicht drehen, ohne sich im Detail mit den Schauspielern auszutauschen. Das ist eine sehr wichtige Unterhaltung – und zwar vor dem Dreh, nicht erst am Set. Ich habe Isabelle erklärt, dass der Vergewaltiger im Film in manchen Szenen ihren BH herunterreißt und dabei ihre Brust entblößt. Ich habe ihr gesagt: „Er möchte deinen Busen sehen, weil er auch das Gefühl haben möchte, dass er eine Frau vergewaltigt.“ Es war also eine Notwendigkeit des Skripts und musste genau so aussehen. Alles andere wäre albern gewesen. Und Isabelle hat mir vertraut, dass ich das so zeigen würde, dass es im Kontext des Films akzeptabel ist.

Es ist auch nur ein kurzer Moment.
Natürlich mussten wir uns die Frage stellen, wie viel man zeigt. Die betreffende Einstellung ist nur etwa zwei Sekunden lang. Ich bin zwar der Meinung, dass man die Brust sehen sollte, aber man sollte es nicht missbrauchen. Es ist schließlich ein künstlerischer Film, da muss man solche Dinge anders ausbalancieren. Man kann zum Beispiel keinen Film wie Showgirls drehen, ohne eine Brust zu zeigen. In Elle gibt es auch noch eine andere Szene, in der Isabelle ihre Nippel zeigt. Sie liegt in einem Schaumbad, aber der Schaum geht ihr nicht bis zum Hals, sondern hat sich schon weitgehend aufgelöst. Mir war das wichtig, weil es sonst so amerikanisch ausgesehen hätte. Wenn heute eine Frau in einem Hollywood-Film Sex hat, trägt sie in der Regel einen BH. Sogar in Hollow Man haben sie mich dazu gezwungen. Das war einer der Gründe, warum ich den Staaten den Rücken gekehrt habe. Einen BH muss man auch irgendwann ablegen. Das ist beim Sex nun mal so.

In den letzten Jahren ist Hollywood immer konservativer und risikoscheuer geworden. Wären Filme wie Ihre dort heute noch möglich?
Es hat sich viel verändert. Ich glaube nicht, dass man heute noch einen großen Film machen könnte, der keine Jugendfreigabe bekommt. Showgirls war der letzte. Wenn man in New York oder Los Angeles in ein Kino geht, laufen dort 12 oder 13 verschiedene Filme. Als ich in die USA kam, war die Hälfte davon R-Rated, also für Jugendliche unter 17 Jahren nur in Begleitung eines Erwachsenen freigegeben. Heute ist es schon viel, wenn einer oder zwei davon R-Rated sind. Filme sollen bloß niemanden abschrecken, keiner soll etwas anstößig oder kontrovers finden. Das betrifft allerdings nur Nacktszenen. Gewalt ist natürlich kein Problem (lacht). Bereits bei Basic Instinct mussten wir neun Mal zur Motion Picture Association Of America und den Film so lange kürzen, bis wir endlich ein R-Rating bekamen. Heute wäre auch das nicht mehr möglich. Der Film würde sofort ein Jugendverbot kriegen, und dann würde ihn auch kein Kino mehr zeigen. Gott sei Dank bin ich nach Europa geflohen.

Dieses Interview erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 373, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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