Anaïs d’Arc, Ritterin der Liebe – »Notre Héritage« auf der Berlinale

Foto: Filmstill Notre Héritage

Notre Héritage bewegt sich feinfühlig zwischen zarter Poesie und beinahe zu pointierten filmischen Ästhetisierungen und wirft am Ende dennoch leider die leidige Frage auf: warum bleibt der Frau als blasse Neo-Jeanne-d’Arc wieder nur die Nebenrolle?

Ein Modebegriff aktueller feministischer Debatten in den USA ist der des white knight, des weißen Ritters. Von konservativen Maskulinisten als Schmähung für männliche Feministen benutzt, bezeichnen Feministinnen so vermeintliche Unterstützer, die sich am Ende doch bloß als die besseren Emanzipatoren gebärden. Caroline Poggi und Jonathan Vinel stammen zwar aus Frankreich, in ihrem Film Notre Héritage spielt das Ritterideal aber im Verhältnis der Geschlechter ebenfalls eine wichtige Rolle.

Poggi und Vinel sind bei der Berlinale alte Bekannte: 2014 erhielten sie als jüngstes Duo überhaupt einen Goldenen Bären für den Kurzfilm Solange uns Pumpguns bleiben. Damals suchte ein suizidwilliger Adoleszent eine neue Familie für seinen kleinen Bruder. Dieses Mal gilt die Suche eines Altersgenossen seiner selbst im eigenem Vater.

Das Werk wiegt hin und her zwischen Hyper-Realität und Hyper-Fiktionalität.

Lucas‘ (Lucas Domejean) Eltern sind verreist. Also lädt er Freundin Anaïs (Sarah-Megan Allouch-Mainier) ins verwaiste Anwesen. Das schüchtern-schweigsame Paar entdeckt ein Foto von Lucas Vater Pierre. Dabei handelt es sich um den real existierenden Pierre Woodman, der, anders als von Lucas vorgestellt, nicht internationaler Tierrechtsaktivist ist, sondern Pornofilmer. Woodmans Spezialität sind vermeintliche »Castings«. Betont jung wirkende Volljährige aus Osteuropa werden hier erst vor der Kamera über ihre sexuelle Unerfahrenheit ausgefragt, um dann den Akt mit Woodman zu vollziehen. Beim nächtlichen Videospiel wird der gedankenverlorene Sohnemann dann sprichwörtlich in die Bilderwelt des Vaters hineingezogen. Warum hat er mich nie auf seine Reisen mitgenommen? Hat er jemals eines der Mädchen so geliebt wie ich Anaïs?, sinniert er.

Dabei gibt sich Notre Héritage dem Porno gegenüber insgesamt ambivalent, ergötzt sich etwa minutenlang an Fotos unzähliger Nackter in der immer gleichen Pose: auf allen Vieren, den gespreizten Schritt dem Beobachter präsentierend. Und somit in jener Stellung, in der Lucas auch seine Anaïs auf schattigem Gartengrün liebt, wenngleich feinfühliger. Das Werk wiegt hin und her zwischen Hyper-Realität und Hyper-Fiktionalität, Jugend und Reife, zarter Poesie und beinahe zu pointierten filmischen Ästhetisierungen.

So ist auch nicht klar, ob es sich nicht bloß um eine weitere Traumsequenz handelt, wenn der Junge Anaïs nach feierlichem Gelübde im Vorgarten zur Ritterin schlägt. Sie ist seine Beschützerin gegen den Vater, gegen die Pornografisierung der Welt. Frei nach Poggis und Vinels Landsmann Alain Badiou ein Lob der Liebe, das zugleich keinesfalls die Lust verkennt. Rätselhaft nur, warum für die Frau selbst als blasse Neo-Jeanne-d’Arc nur wieder einmal die Nebenrolle bleibt.

Notre Héritage
Frankreich 2015
Regie: Caroline Poggi, Jonathan Vinel
Mit: Lucas Domejean, Sarah-Megan Allouch-Mainier, Pierre Woodman

Weitere Termine im Rahmen der Berlinale:
16.2., 18.2., 19.2. Berlin – diverse Locations

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here