Nieder mit den Grenzen: CTM Festival 2016

Von Ende Januar bis Anfang Februar findet zum 17. Mal das CTM Festival for Adventurous Music and Art an diversen Spielorten in Berlin statt. Das Motto: New Geographies. Der rapide Wandel, den die Gesellschaft zwischen Globalisierung und Digitalisierung durchläuft und die Frage, welche Rolle Musik dabei spielt und vor allem spielen kann, stehen im Zentrum des Programms, das von Installationen bis Performances reicht.

Das Motto der 17. Auflage des Festivals, das den Berliner Winter seit jeher mit experimentierfreudiger, vorwiegend elektronischer Musik zu kontern weiß, diktiert die Stoßrichtung. New Geographies heißt es und meint genau das: nieder mit den Grenzen. Geschehen soll das an zehn Tagen und in genauso vielen Nächten in Berliner Clubs (Berghain, Yaam), Theatern (HAU1 und HAU2) und Konzerthallen (Astra).

Still_Be_Here_by_LaTurbo_Avedon_2Foto: Hatsune Miku (Still Be Here)

Das Ziel: Erfahrungs- und Reflexionsräume für Musik schaffen, die essentialistischen Kulturvorstellungen eine Absage erteilt und dazu beitragen, der Vielfalt einer zunehmend hybriden (Musik)-Welt mit größerer Offenheit zu begegnen.

Gerade weil sich Musikerinnen und Musiker heute komplexen Realitäten gegenüber sehen, die aus dem Aufeinandertreffen regionaler Unterschiede mit den entgrenzenden Effekten von Globalisierung und Digitalisierung erwachsen, suchen die Künstler und Künstlerinnen im Programm des CTM Festivals innerhalb dieses Spannungsfelds auch nach neuen und selbstbestimmten Antworten auf Fragen zu Identität und Gesellschaft.

Im breiten Spektrum der geplanten Programmpunkte tut sich unter anderem der Performance-Installation-Hybrid Still Be Here der Künstlerin Mari Matsutoya hervor, die sich am 5. und 6. Februar im Haus der Kulturen der Welt mit der virtuellen Figur Hatsune Miku beschäftigt. Ursprünglich als Maskottchen für einen Stimmsynthesizer entworfen, wurde aus der Kunstfigur ein virtuelles 3D-Phänomen, das mehr als 100.000 Songs weltweit veröffentlichte.

Still Be Here präsentiert Miku nun als Kristallisation kollektiver Bedürfnisse, die in einem niemals alternden, 16-jährigen virtuellen Popstar mit türkisfarbenen Haaren verkörpert werden. Die Dekonstruktion des Stars führt in der Installation zu der Erkenntnis, dass Miku nicht mehr als eine leere Hülle ist, auf die wir unsere unterschiedlichen Fantasien projizieren – ein Vakuum virtueller Sehnsüchte.

vmoon___priscilla_telmon40Foto: Vincent Moon

Vorwärtsdenken bis zum Ende: am Abschlussabend ist der britische DJ Sam Shepherd zu erleben, der im vergangenen Jahr unter dem Künstlernamen Floating Points mit seinem Debütalbum in den SPEX-Jahrescharts landete. Mit Elaenia präsentiert der 24-jährige Produzent mit klassischer Ausbildung ein Hybrid-Album, das gleichermaßen von zeitgenössischer klassischer Musik, Avantgarde-Jazz, R’n’B, Techno und House beeinflusst ist – für das CTM steht er mit Live-Band auf der Bühne.

Noch ein Glücksgriff: der Filmemacher Vincent Moon, welcher sich seit vielen Jahren die Erforschung globaler Musikpraktiken zur Aufgabe gemacht hat. Moons Arbeiten basieren auf Reisen und Erfahrungen statt akademischer Forschung, und erlauben es thematische Verbindungen zwischen Zeiten und Regionen zu knüpfen. Seine vom CTM Festival in Auftrag gegebene Filminstallation Rituals möchte durch die Verschränkung von Motiven althergebrachter Trance-Rituale und sakraler Praktiken der urbanen Gegenwart neue Perspektiven bieten. Ab dem 30. Januar wird die Installation täglich im HAU2 zu sehen sein.

Deep_Web_4_by_Christopher_BauderFoto: Deep Web (Christopher Bauder & Robert Henke)

Wie schon in den letzten Jahren, ist das Line-up in Zusammenarbeit mit dem im Libanon geborenen Musiker Rabih Beain spannend kuratiert: Neben Pionieren der elektronischen und improvisierten Musik wie Pauline Oliveros und Keiji Haino gibt es Neues und Abseitiges wie den progressiven Weltmusik-Metal der Indonesier Senyawa, tieffrequente Electronica-Klänge von Peder Mannerfelt, House von Kassem Mosse oder den exzentrischen Synthie-Avantgardismus des japanischen Duos Group A zu hören. Dazu gesellen sich Namen wie Maurice Louca, nkisi, Rødhåd, Lena Willikens, Laurel Halo, Jerusalem In My Heart und Le1f.

Zusätzlich stehen speziell für das Festival in Auftrag gegebene Projekte auf dem Programm. So wagen sich beispielsweise Hanno Leichtmann und Carolin Brandl an eine Interpretation von Christoph Schlingensiefs African Twin Towers. Spannend dürfte auch die Deep-Web-Installation und audiovisuelle Performance von Christopher Bauder und Robert Henke werden. Die Arbeit ist während des gesamten Festivals im Kraftwerk zu sehen, die Live-Performance findet am 7. Februar statt.

CTM Festival – New Geographies
29.01. – 07.02. Berlin – diverse Veranstaltungsorte
Alle bestätigten Künstler sowie weitere Informationen zu Tickets, Venues und Thema gibt es hier.

In der kommenden Printausgabe SPEX N° 367 befassen wir uns sowohl mit Maurice Louca als auch mit dem Phänomen des virtual Popstar Hatsune Miku in ausführlichen Feautures. Das Heft ist ab 18. Februar im Handel erhältlich und kann hier versandkostenfrei bestellt werden.

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