Nick Cave & The Bad Seeds »Skeleton Tree« / Review

Kann der verdammte Sommer jetzt bitte vorbei sein? Die Freibäder haben ihre Saison verlängert – Nick Cave & The Bad Seeds veröffentlichen Skeleton Tree, das Album der verlorenen Erzählungen und Hoffnungen, und One More Time With Feeling, den erklärenden Begleitfilm. Diese Absurdität des Lebens muss man aushalten können.

»Ich habe nie über Nicks Privatleben gesprochen.« Mit dieser Aussage beginnt One More Time With Feeling. Warren Ellis ist genervt. Er soll auf der Rückbank eines Taxis sitzend noch einmal alles wiederholen, was er eben erzählt hat. Die Kameraeinstellung habe nicht gestimmt. Vielleicht hören wir Ellis deshalb später kaum noch sprechen, denn der Film handelt zu großen Teilen eben genau davon: Nick Caves Privatleben.

Was haben Presse und Fans nicht alles spekuliert, zusammengereimt und herbeigesehnt über Skeleton Tree. Cave & The Bad Seeds aber hielten sich anfangs konsequent bedeckt – keine Interviews, keine Informationen, kein Kommentar. Die ersten Monate, nachdem Nick Caves Sohn Arthur im Sommer 2015 auf tragische Weise ums Leben kam, erbat sich die Familie Ruhe vor der Presse. Und auch über die Aufnahmen für das neue Album, die zu dieser Zeit bereits im Gang waren, wurde geschwiegen. Dass bis zur groß angekündigten Premiere von Film und Album am 8. September in Kinos rund um die Welt doch nicht alles so streng geheim blieb – der Filmtrailer und die Single »Jesus Alone« waren da schon veröffentlicht, einzelne Plattenläden verkauften das Album bereits –, deutete indes schon an, dass es momentan doch andere Prioritäten gibt als die künstlerische Kontrolle.

Es braucht One More Time With Feeling, um zu erklären, warum Skeleton Tree Fragment geblieben ist. Und es ist sicher im Sinne der Cave’schen Selbstinszenierung, beides zusammen zu lesen. Auch wenn diese Inszenierung durchlässiger ist als je zuvor. Von Orientierungslosigkeit, vom Scheitern und vor allem vom Verlust handelt dieses 16. Studioalbum. »Warum habe ich meine Stimme nicht trainiert? Ich glaube, ich verliere meine Stimme«, klagt Cave, als er ein Overdub einsingen soll. Dann macht er weiter. Vieles ist nebensächlich geworden, zum Beispiel: ein Album kontrolliert aufnehmen. Dass er nach dem Tod seines Sohnes überhaupt eins aufgenommen hat, wirkt nun wie ein Teil der Trauerarbeit und lässt uns teilhaben an einer offenen Therapiestunde. »Die emotionale Situation gab uns die Kraft, manches unfertig zu lassen«, sagt Cave.

Auch Andrew Dominiks ursprünglich als Making-of geplanter Film improvisiert sich durch teils unbeholfen geführte Interviews und pathetische Kamerafahrten bis ins All. Toll sind die Szenen im Studio, die dank 3-D tiefe Räume erschaffen. Und auch wenn die räumliche und emotionale Nähe, die der Film herstellt, manchmal schwer zu ertragen ist, steckt in der Zurschaustellung der Hilflosigkeit seiner Protagonisten eine ungeahnte Authentizität.

»Die emotionale Situation gab uns die Kraft, manches unfertig zu lassen«

Wie spricht man über Tod und Verlust, ohne Plattitüden zu bemühen? Caves übliche Stilmittel – Zynismus, Sarkasmus und archaische Bibelreferenzen – funktionieren nicht mehr so recht. Er glaubt an das Schicksal, das mit dem Sinn des Lebens ist aber schwierig geworden. Neben Tagträumen über die üblichen Verdächtigen – Outlaws, Prostituierte, Junkies – skizzieren die Songs auf Skeleton Tree auch eine nähere Realität. »You fell from the sky / Crash landed in a field«, singt Cave im kargen, repetitiven »Jesus Alone«, und es scheint, als müssten die Streicher ihn immer wieder aus seiner Starre aufrütteln.

Die Geschichte des Geschichtenerzählers begann einst so: Mit 19 verlor der störrische, introvertierte Teenager seinen Vater bei einem Autounfall. Der Verlust war die Initialzündung seiner Geschichtenerzähler-Karriere. Immer deutlicher thematisierte er den Prozess des Schreibens, zuletzt auf Push The Sky Away. One More Time With Feeling nimmt die metafiktionale Narration des Erschaffens wieder auf und wird so zum Tagebuch der Trauer und zur Dokumentation der Ratlosigkeit. Zu glauben, seinen Schmerz hätte Cave in neuen Erzählstoff umgeleitet, ist ein Irrtum. »Man wünscht sich Ereignisse, die das Schreiben interessant machen. Dieses Trauma aber war zu zerstörerisch«, erklärt Cave. Eine Zeitlang hätten die Songtexte alles in seinem Leben zusammengehalten, nach dem Tod seines Sohnes glaube er aber nicht mehr an das Geschichtenerzählen. Lyrik funktionierte für ihn einst wie Träume, die Unterbewusstes ans Tageslicht befördern. Das traumatische Erlebnis drängt aber schon von alleine an die Oberfläche. Es muss raus, und sei es ungefiltert.

Skeleton Tree beheimatet keine großen, erhabenen Stücke für die Ewigkeit wie »Jubilee Street«. Das Album gibt aber einen ungeschönten Eindruck davon, wie ein Musiker sich selbst verliert und nur zögernd wiederfindet. Und einen schönen Eindruck von musikalischer Solidarität. Wir hören und sehen Warren Ellis, der seit Push The Sky Away zunehmend die Rolle des Bandleaders übernimmt, mit Draculafingern seine Streicher dirigieren und so sehr im Takt mitwippen, dass ihm fast der Synthesizer von den Knien rutscht. Die Bad Seeds sind mehr denn je Einheit und starkes Kollektiv. »Warren hält alles zusammen. Was würde ich nur ohne ihn tun?«, fragt Cave sich. Der Chor der Klagenden steht ihm auf Skeleton Tree stets zur Seite, lässt ihm an den wichtigen Stellen aber auch seinen Raum und improvisiert, wenn es eben sein muss. »Fuck continuity«, sagt Jim Sclavunos dazu lachend und widmet sich wieder seinem Vibrafon.

One More Time With Feeling beantwortet mehr Fragen, als die meisten zu stellen gewagt hätten.

Es gibt viele Räume auf Skeleton Tree. Manche bleiben einfach Leerstellen, manche füllt das Flirren und Brummen. Oder außerirdische Soundsprengsel, die »Rings Of Saturn« eine blitzelige Frische verpassen. Bei »Girl In Amber« ist Cave hingegen um hundert Jahre gealtert und sprechsingt zittrige Zeilen der Lähmung: »I knew the world it would stop spinning now since you’ve been gone.« Das spärlich instrumentierte »I Need You«, dem in seiner Schwäche stärksten Song des Albums, bildet schließlich den Tiefpunkt der Antiklimax. Cave singt matt und schief einen schlichten Leidenstext – »Nothing really matters when the one you love is gone« – und es schmerzt, ihn so verwundet zu hören. »Distant Sky« platziert die Worte dann wieder sorgfältiger. Auch wenn der Beitrag der dänischen Sopranistin Else Torps bei Cave-Fans für Stirnrunzeln sorgen wird, trägt er doch zu einer feierlichen Eleganz bei, die Skeleton Tree guttut.

One More Time With Feeling beantwortet mehr Fragen, als die meisten zu stellen gewagt hätten. Über dieses Bild zum Beispiel, gemalt vom vier- oder fünfjährigen Arthur Cave, das eine Windmühle an Brightons Südküste zeigt. Und ebenjene Klippe, von der der Teenager später in den Tod stürzen wird. Wie fühlt die Mutter? Was denkt der Vater? Es ist mehr als unbehaglich, Cave mit den Armen rudern zu sehen und seine Ehefrau Susie Bick, die bis dahin Stumme, von ihrem Mann zum quasi-mystischen Wesen stilisiert, um Worte ringend. An ihrem Hals trägt sie eine Kette mit dem Buchstaben A, doch sie wagt es kaum, seinen Namen auszusprechen. Vielleicht ist das der Versuch der Familie, den von der Regenbogenpresse veröffentlichten Details aus Arthurs Obduktionsbericht doch etwas Kontrolliertes entgegenzusetzen.

Nick Cave wollte das Mitleid seiner Umwelt nicht. Mit Skeleton Tree fordert er vielmehr die Empathie derer heraus, die ihren Helden als coolen Zyniker mit perfekter Frisur kennen. Im Moment ist Cave nicht mehr wütend, er ist verzweifelt. Mit den Worten »And it’s alright now« und einem milderen Titeltrack endet Skeleton Tree. Trauer kann den Blick schärfen, die Dinge klarer machen. Aber erst, nachdem man den schlimmsten Schmerz überwunden hat. Susie Bick und er hätten irgendwann beschlossen, einfach wieder glücklich zu sein, erzählt Cave. Wir sind guter Hoffnung.

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