Neue Utopien an alten Orten – SPEX präsentiert Ruhrtriennale

Die Ruhrtriennale geht unter dem Motto „Freude“, „schöner“, „Götterfunken“ in die dritte Runde. Im Programm unter anderem: Actress, Timber Timbre, Arca und jede Menge Neuinzenierungen, Installationen und Gesprächsrunden.

Keine Frage: Die dritte Ausgabe der Ruhrtriennale („Ruhrtriiienale“) unter der Ägide des holländischen Schauspielers, Regisseurs und Theatermachers Johan Simons macht vom 18. August bis 30. September ein letztes Mal ordentlich Dampf, bevor 2018 der reguläre Intendanten-Wechsel erfolgt und die Karten neu gemischt werden. Und wieder ist Simons‘ „Seid umschlungen“-Philosophie erkennbar, die Menschen mittels Kultur zu vereinen und gleichzeitig den drängenden und teilweise beunruhigenden Themen unserer Zeit in zahlreichen Neuinszenierungen, Kunstinstallationen und alternierenden Gesprächsforen auf den Grund zu gehen.

Um Utopien und Zukunftsvisionen wird sich vieles an den gewohnten Spielstätten des gesamten Ruhrgebiets ranken – im Grunde der Motto-Klassiker schlechthin. Aber hier geht es nicht um technischen Fortschritt auf Teufel komm raus oder die Suche nach der nächsten künstlerischen Offenbarung, die alles Vorherige infragestellt. Simons orientiert sich hingegen abermals an Ludwig van Beethoven und stellt die berühmten drei Wörter von Schillers „Ode an die Freude“ gesondert in den Fokus – nämlich „Freude“, „schöner“, „Götterfunken“.Nach seinem Verständnis soll hiermit etwa veranschaulicht werden, „was wir empfinden, wenn wir an die Zukunft denken. Freude? Verspricht sie schöner zu sein? Haben wir noch Götterfunken in uns, um Utopien zu verwirklichen?“

Inwieweit das in den insgesamt 41 Produktionen, darunter 22 Uraufführungen und Deutschlandpremieren Erfüllung findet – es bleibt abzuwarten. Ganz sicher könnte dies bei Beethovens „Missa Solemnis“ mit seinem beschwörenden Bestreben nach Friede und Freiheit gelingen, vielleicht auch anhand Claudio Monteverdis „Marienvesper“. Neben diesen relativ populären Werken darf man auf Claude Debussys Oper „Pélléas et Mélisande“ einige Erwartungen setzen, verarbeitet er damit doch Erfahrungen der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und zwängt sie in bizarre, durch und durch lyrische, impressionistische Märchenszenen.

Natürlich ist auch das aktuelle Musiktheater mit mehreren Premieren vertreten. Vielversprechend ist dabei sicherlich die Uraufführung „Kein Licht.“ des französischen Avantgardisten Philippe Manoury nach einem Text von Elfriede Jelinek, der sich mit der Situation nach einem atomaren Super-GAU befasst. Um Herrschaftsstrukturen in einer gänzlich virtuellen Welt geht es in „Homo Instrumentalis“ mit Stücken von Georges Aperghis, Luigi Nono und Yannis Kyriakides. Als letzte Regiearbeit seiner Intendanz adaptiert Johan Simons außerdem den Roman „Cosmopolis“ von Don DeLillo, der die Irrfahrt eines Wall-Street-Brokers durch Manhattan schildert. Im Gegensatz zu David Cronenbergs filmischer Bearbeitung fungiert diese Version jedoch als instrumentales Spektakel mit den Klängen des Saxofonquartetts Bl!indman. Und auch Harry Partch ist wieder mit dabei – vielmehr sein durch das Ensemble musikFabrik rekonstruiertes spezielles Instrumentarium.

An zwei Abenden werden unter dem Titel „Monophonie“ damit Werke aus den Bereichen Neue Musik, Jazzrock und Techno dargeboten. Ein guter Schwenk zu den diesjährigen popmusikalischen Ereignissen, die alles andere als – dem bestens sich auskennenden Dramaturgen-Team auf diesem Gebiet sei Dank – eine beiläufige Randnotiz darstellen. Jeden Montag finden im Maschinenhaus der Essener Zeche Carl wie schon in den vergangenen zwei Jahren ausgesuchte Konzerte statt. Diesmal haben sich unter anderem Lambchop, die kanadische Band Timber Timbre und der Australier Ben Frost, bestens bekannt als der „Fortitude“-Komponist, angesagt. Sensationell ist der Programmpunkt „Ritournelle“, bei dem eine Nacht lang Elektronika vom Feinsten von Interpreten wie Nicolas Jaar, SOHN, Efdemin und Mykki Blanco präsentiert werden. Ergänzt wird das Ganze durch einen Showcase des im Ruhrgebiet ansässigen Denovali-Labels, das neben darauf vertretenen Künstlern (Ricardo Donoso, Orson Hentschel, Moon Zero) als Special Guests keine Geringeren als Actress und Demdike Stare auf die Bühne bringt.

Und schließlich: der mit enormen Erwartungshaltungen herbeigesehnte Live-Auftritt des venezolanischen IDM-Elektronikers Alejandro Ghersi aka Arca, der sich mit seinen äußerst sperrigen Attitüden ganz bewusst zwischen allen Stühlen bewegt. Kurios: Arca bestreitet der allerletzten Akt der „Ruhrtriiienale“ – direkt nach  Beethovens „Missa Solemnis“. Wer weiß: Vielleicht umschlingen sich ja dabei Millionen, sofern sie alle in die Turbinenhalle von Bochum hineinpassen. Ansonsten ist zumindest Freude durch schönere Götterfunken garantiert.

SPEX präsentiert Ruhrtriennale 2017
18.08 – 30.09. Ruhrgebiet – diverse Locations
Tickets sowie alle weiteren Informationen gibt’s hier.

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