Nabihah Iqbal „Weighing Of The Heart“ / Review

Nabihah Iqbal war bis vor kurzem noch Throwing Shade und machte elektronische Dance Music. Jetzt besinnt sie sich auf ihren echten Namen und das, was wirklich zählt: die Achtziger.

Man kann es natürlich überkandidelt finden, wenn ein Popalbum nach einem altägyptischen Totenritual, dem „Wiegen des Herzens“ benannt ist, aber: Das Herz eines Verstorbenen sollte möglichst leicht sein. Wurde es für zu schwer befunden, hieß das, dass der Besitzer zu Lebzeiten Schuld auf sich geladen hatte, und das Herz wurde kurzerhand an Ammit, die Totenfresserin verfüttert. Krasse Geschichte, aber man darf davon ausgehen, dass die Londoner Allround-Künstlerin Nabihah Iqbal genau weiß, was sie tut.

die Wissenschaftlerin und Musikerin Iqbal ist viel zu klug und neugierig, um ein rein retromanisches Album aufzunehmen.

Bis vor kurzem produzierte Iqbal, die einen Master in afrikanischer Geschichte hat und als Juristin in Südafrika arbeitete, unter dem Moniker Throwing Shade elektronische Dance Music, remixte Mariah Carey und arbeitete mit Wolfgang Tillmans. Dass sie Throwing Shade zugunsten ihres echten Namens droppt, ist selbstbewusstes Bekenntnis zu ihren Wurzeln und direkter Link zu ihrer musikethnologischen Radiosendung zugleich, in der sie Klänge (nicht: Pop) aus aller Welt vorstellt.

Mit Weighing Of The Heart konzentriert sich Iqbal – zumindest musikalisch – allerdings klar auf ein Jahrzehnt und im Grunde auch auf ein Land: Sie seziert britischen Wave- und Elektropop der Achtziger, nimmt ihn auseinander und setzt ihn in neuen Kombinationen zusammen. Dunkle Basslinien, atmosphärisch aufgeladene Gitarren, sehnsuchtsvolle Synthiemelodien, geschickt eingesetztes Klavier, prägnante Beats von Drumcomputer bis Handclapping und nicht zuletzt die selbstzweiflerischen Lyrics werden bei den Älteren unter uns Erinnerungen an The Cure, Joy Division oder Bauhaus freisetzen. Auch Einflüsse von The The, Talk Talk und sogar Propaganda („Dr. Mabuse“!) sind in Spurenelementen nachweisbar. Doch die Wissenschaftlerin und Musikerin Iqbal ist viel zu klug und neugierig, um ein rein retromanisches Album aufzunehmen. Ihr geht es um das Aufzeigen des Außergewöhnlichen – sei es Gamelan-Musik aus Bali oder eben Wave from the UK. Dass ihr bei allem Forschergeist Pophits wie „Something More“ gelingen, wird ihr dereinst ein federleichtes Herz bescheren.

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