N.E.R.D. „No One Ever Really Dies“ / Review

Mit ihrem Comeback-Album No One Really Ever Dies wollen N.E.R.D. neue Spannung in die alten Tanzmuskeln bringen – dabei überdrehen Pharrell Williams und Chad Hugo jedoch trotz prominenter Gäste stellenweise gewaltig.

Die Musik von N.E.R.D. war schon immer so entspannt wie eine Hornisse in der U-Bahn, was gar nicht negativ gemeint ist. 1999, auf dem Zenit ihres Erfolges als Produzentenduo The Neptunes, gründeten Pharrell Williams und Chad Hugo das Projekt, wohl mit der Absicht, ambitioniertere Songs zu veröffentlichen. Ambitioniert heißt: Hektischer Indiepunk-R’n’B-Hop-Hybrid. Hier integrierte keine Rockband Hip-Hop in ihren Sound, wie es damals gängig war, sondern zwei versierte Produzenten versetzten Neunziger-Rap mit Gitarren und reichlich Strom in Wallung. Das Timing war gut: In den frühen Nullerjahren begannen Dipset und Dirty South damit, die damals verbreitete souly Sample-Ästhetik gegen dreckig-minimalistische Drumcomputer-Klänge einzutauschten. Hip-Hop polarisierte endlich wieder, war kantiger und mehr Mittelfinger denn je. N.E.R.D. verdoppelten also einfach mal das Tempo, holten sich ein paar Studiomusiker ins Haus und schauten, was so ging.

Dass man mit M.I.A. und Kendrick auf einem gemeinsamen Track keinen Hit fabriziert bekommt, sollte einem zu denken geben.

Hohe Geschwindigkeiten prägen nun auch N.E.R.D.s Comeback-Album No One Ever Really Dies, wobei sich diesmal auch langsamere Trap-Passagen reingeschlichen haben – schließlich schreiben wir das Jahr 2017 und die Featuregäste heißen heute Rihanna, Future, Gucci Mane oder Wale. Wer möchte da noch eine Stunde lang das Gaspedal durchdrücken? Doch während die frühen Alben der Band ein wenig an blauäugige Dancefloor-Garagenrock-Naivität mit billigen Melodiebruchstücken, Du-Rags und Ärschen statt Anzügen und Gesang erinnern, möchte No One Ever Really Dies bei allem Humor eher symphonischer Prog-Rock sein, einzigartig und komplex mit tiefer Message.

 

Wohl auch deshalb wird No One Ever Really Dies in weiten Teilen der Kritik als politisch und edgy gewürdigt, dabei erschöpft sich das gesellschaftskritische Sendungsbewusstsein von Williams und Hugo auf ihrem fünften gemeinsamen Album in simplen Konsenstexten zu den klassischen Themen einer sich im Kreis drehenden US-Politik. Dass man im Video zu „1000“ mit Future – dem absoluten Nonsens-Gipfel des Albums, der wie eine Trap-Parodie mäßig erfolgreicher Youtube-Comedians wirkt – Bilder von gewalttätigen Protesten mit lasziven Tanzchoreografien kontrastiert, unterstreicht, dass politische Statements hier jenseits von Pop-Floskeln nicht über die Tiefe von N.E.R.D.s alten Partyhits hinausgehen. Doch auch musikalisch macht Williams (und Hugos, wobei der Grad seiner Mitsprache umstritten ist) heiliger Ernst das Album schwer verdaulich. Dass man mit M.I.A. und Kendrick Lamar auf einem gemeinsamen Track keinen Hit fabriziert bekommt, sollte einem jedoch zu denken geben. Aber Pharrell ist nunmal Mr. „Happy“ und kann sich auch anhand durchgeknallter Ideen – und genau diese Durchgeknalltheit einiger Momente auf No One Ever Really Dies muss man trotz allem einfach genießen – eines Blanko-Schecks sicher sein. Vielleicht ist ja noch etwas Geld für Kopfschmerztabletten übrig.

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