Mykki Blanco »Mykki« / Review

Nur 37 Minuten lang, aber opulent und eklektizistisch wie ein Musical: Mykki Blancos Mykki stellt die Gleichzeitigkeit von Ekstase und Einsamkeit in den Mittelpunkt.

Im Sommer 2011 erschuf sich der New Yorker Performancekünstler und Dichter Michael David Quattlebaum Jr. ein weibliches Alter Ego als Mykki Blanco. Mykki sei mehr ein »avant-garde objet d’art« als klassische Drag Queen, kommentierte die New York Times. Zu Blancos Look gehört eine formlose, honigfarbene Mähne. Dabei geht es nicht darum, das Transitorische zwischen Frausein und Mannsein zu verdecken und das Riot Grrrl, die Ghetto Fabulousness und den schwulen Rapper gegeneinander auszuspielen.

Inspirierend waren für Mykki Blanco so verschiedene Figuren wie Lil’ Kim, GG Allin, Jean Cocteau, Marilyn Manson oder Anaïs Nin, Mykki kollabierte mit Flosstradamus, Le1f, Basement Jaxx oder Kathleen Hanna. Das Debut Album Cosmic Angel: The Illuminati Prince/ss von 2012 vermischte noch alles: Es klang wie der musikalische Ausläufer eines Performanceprojekts, die Musik bewegte sich in einer konturlosen Schnittmenge aus Hip-Hop, Crunk, IDM und experimenteller Elektronik. Der karikierende Modus relativierte die Wirkung der Raps und Songs. Stark war darin allein Blancos Stimme als wütende/r Poet/in im live-your-art-Ethos. Auf Mykki gibt Blanco den Kunstschul-Modus auf, die Songs funktionieren jetzt ohne Erklärung.

Blanco treibt den Gegensatz von Männlich- und Weiblichkeit auf die Spitze.

Trotzdem passiert viel. Obwohl das Album nur 37 Minuten dauert, ist es opulent und eklektizistisch wie ein Musical. Der hochverdichteten Vitalität von Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly setzt Mykki die antagonistischen Bewegungen von Kollision und Entropie entgegen. Die Gleichzeitigkeit von Ekstase und Einsamkeit passt zur Post-Internet-Art der aktuellen Berlin Biennale, sie erinnert an Musik von Oneohtrix Point Never oder Rustie. Die zahllosen Gastauftritte dienen dabei nicht etwa nur dem gemeinsamen Musizieren. Sie stellen die Utopie der totalen Vernetzung der Einsamkeit des Einzelnen am Monitor gegenüber.

Manch einer versucht, den Abgründen der Geschlechtlichen durch ein Gendermainstreaming zu entgehen, das die Kategorie als Ganzes mehr oder weniger verdrängt. Blanco treibt den Gegensatz von Männlich- und Weiblichkeit auf die Spitze. Der machoide Bariton der Raps kippt auf Mykki immer wieder in ein brüchiges Falsett. Sie verarbeitet die Geschlechterthematik nicht wie etwa Peaches zu einer lehrreichen Aufführung. Bei Blanco gibt es keinen Verfremdungseffekt, ihre Musik taucht mit einer mittelbaren Unmittelbarkeit in die jeweiligen Geschlechterrollen ein. Ihre orange Perücke ist ein Transformationstool, das ihr erlaubt, die jeweilige Identität anzunehmen, um zwischen schriller Groteske, morbider Abgründigkeit und echter Empathie zu unterscheiden.

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