Musiker in eigener Sache

CoverG8Musik kann die Welt verbessern, zumindest ein kleines bisschen. Ein sehr kleines bisschen. Das ist die Erkenntnis, die übrig blieb vom G8-Gipfel 2005 im schottischen Gleneagles. Live-8, die Initiative der Musiker Bono Vox und Bob Geldof, hatte unter dem Motto »Make Poverty History« einige Tage vor dem Gipfel parallele Rockkonzerte in allen G8-Staaten und Südafrika organisiert – um so die Weltöffentlichkeit für einen Schuldenerlass gegenüber den Entwicklungsländern zu begeistern. Tatsächlich wurde in Gleneagles eine Schuldensenkung beschlossen. »Das Engagement von Geldof und Vox hatte großen Einfluss auf unsere Agenda. Afrika hätte ohne den öffentlichen Druck nicht so weit oben gestanden«, sagte später Michael Jay, der den G8-Gipfel für die englische Regierung vorbereitet hatte.

    Doch die seit dem Beschluss von Gleneagles tatsächlich durchgesetzte Schuldensenkung beträgt grade mal 0,3 Prozent, so Philipp Hersel von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung. Und die diesjährige Selbstverpflichtung zum Klimaschutz, die sich die G8 auf die Agenda schrieben, drohen bereits vor dem Gipfel am Widerstand der US-Regierung zu scheitern. Trotzdem haben sich hierzulande unter dem Motto »Deine Stimme gegen Armut« Musiker wie Herbert Grönemeyer und Seeed zusammengefunden, um in der Tradition von Vox und Geldof auf die Politik der G8 einzuwirken.

    Auch die radikaleren Kritiker der G8 setzen bei ihrer Mobilisierung auf Musik. Avanti, das Projekt undogmatische Linke, zeigt sich mitverantwortlich für den Sampler »Make Capitalism History«. Von Anti-Flag bis ZSK enthält die CD überwiegend soliden Punkrock und Ska-Punk. Trotz der semantischen Nähe zum Projekt von Geldof und Vox – der Anspruch von Avanti ist nicht, Einfluss auf die Agenda der G8 zu nehmen, sondern den Gipfel zu verhindern, wie es im Booklet der CD heißt. »Die Vertreter die sich zum G8-Gipfel treffen, haben kein Recht über unser aller Schicksal zu entscheiden«, es könne nicht darum gehen »einen ›besseren Kapitalismus‹ zu realisieren oder einen Stuhl am Verhandlungstisch abzubekommen«. Der sechssprachige Aufruf »Den G8-Gipfel blockieren« ist das Herzstück des Samplers, der im besten Fall als Flugblatt mit CD-Beilage funktioniert. Ob dieses trojanische Pferd für die Zielgruppe von »Make Capitalism History«  nötig ist, bleibt fraglich.

    Zwei weitere Sampler zielen stärker auf ein noch nicht politisiertes Publikum ab. Die sozialistische Jugendorganisation Solid verteilt ihre Anti-G8-CD »Lebe den Widerstand« kostenlos an Schulen und Universitäten. Und der von Attac und der Interventionistischen Linken mitinitiierte Sampler »Move Against G8« versucht prinzipiell ähnlich wie »Deine Stimme gegen Armut« mit namhaften Bands Gehör für politische Anliegen zu erzeugen: Die prominenteren Vertreter der Hamburger Schule sind dabei, ebenso wie die Toten Hosen und Wir Sind Helden.

    Interessanterweise tauchen unter den Unterstützern von »Deine Stimme gegen Armut« und »Move Against G8« eine Reihe Musiker auf, die sich schon bei der letzten großen politischen Kampagne der Popkultur in Deutschland engagiert hatten: bei »Musiker in eigener Sache«, dem Werben für eine nationale Radioquote. Damals wurde diffus globalisierungskritisch argumentiert – aber eine ordentlich mit Klischees angereicherte Politik der eigenen finanziellen Interessen gemacht. Darf man deshalb skeptisch werden, wenn sich dieselben Bands nun im Zusammenhang  internationalistischer Kapitalismuskritik verstanden wissen wollen? Symbolpolitik in eigener Sache wird jedenfalls schon genug von den G8 gemacht.
    Statt CDs zu kaufen, die nur durch ihren politischen Aufhänger interessant werden, könnte man auch direkt Geld an Avanti oder Attac spenden. Mit der Einschränkung, dass sich einzelne Musiker dann nicht mehr als Rebellen und Weltverbesserer produzieren können.

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