Monika Rinck

Monika RinckIch habe dann ganz vergessen, sie zu fragen, wann sie sich umbenannt hat. Also vor allem ihr schreibendes Ich, denn als mir der erste Text von Monika Rinck auffiel, da nannte sie sich noch Mona Rinck beziehungsweise M. Rinck. Etwa schrieb sie 1999 zwei Artikel voller lyrischer Alltagsprosa in der zehn Jahre lang einmal jährlich erscheinenden Theorie-Zeitung A.N.Y.P., die im Umfeld des Berliner Buchladens b-books erschien und zu der auch die Philosophin Juliane Rebentisch und die Künstlerin Judith Hopf beitrugen. War ihr »Mona« irgendwann zu sehr Jugend-Slang? Bei aller Freude an der Theorie ist es gerade in ihren Texten die Jouissance, also das Faible für die  Farbschattierung und das Funzen der Wörter, die alles ausmachen.

    Monika Rinck lebt in Berlin und hat ein Studium der Religionswissenschaft, Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft hinter sich. Ich besuche sie zuhause, bringe ihr einen Apfel aus den Plantagen meines Wohnortes mit und muss gleich zur Kenntnis nehmen, dass die Idee wohl nicht die beste war. Im vergangenen Jahr hat sie wegen eines Literatur-Stipendiums mehrere Monate in Lana, Südtirol verbracht, wo die Äpfel eher in großindustriellem Stil gebaut werden. Sie wirkt, als könnte sie keine Äpfel mehr sehen.

    Will sagen: Monika Rinck lebt sowohl vom Stipendien-Zirkus als auch von einem Halbtags-Job in einer Online-Redaktion. Doch geht es in ihrem Schreiben vielmehr um Fragen, wie man lebt; und ihr Essay »Ah, das Love-Ding!« handelt davon, wie Gruppen leben, wie sie sich bilden, welche internen Prozesse da ablaufen. Durchaus möchte die Autorin das Prinzip der vielen Stimmen, die sich hier immer viel zu sagen haben, als Fürsprache begreifen. »Der Text ist nicht dezidiert anti-familial, richtet sich aber auf jeden Fall gegen ein Abkappen der Familie von anderen Strukturen. Da wären mir so offene Strukturen lieber, wie sie Hakim Bey in ›Temporäre Autonome Zone‹ unter dem Begriff ›Horde‹ beschrieben hat  – bewegliche Systeme, in denen Kommunikation möglich ist.«

    Und so gehen sie miteinander aus, reden über Knutsch-Pärchen, und schreiben sich schon am nächsten Morgen wieder E-Mails über die vergangene Nacht, diese Gruppen. Der Ton der Rinck-Texte prozessiert dabei die Geschehnisse nochmal, er lebt selbst und verlässt sich in den analysierenden Momenten nie auf die Fixgrößen der Wissenschaft. Ein Running Gag in »Ah, das Love-Ding!« verdeutlicht dieses Vorgehen. Er besteht in dem Ruf-Antwort-Spiel »Ein Zeichen, ein Zeichen!« – »Einweichen, einweichen!« Das Stabile wird flüssig und dehnt sich aus. »Sachen mit einer gewissen Stabilität, die ein Pathos vor sich her tragen, sind ja auch gefährdeter als die Sachen, die auf halb acht stehen. Denn die können ausweichen.«

    Die Gedichte – gerade ist ein neuer Band »Zum Fernbleiben der Umarmung« erschienen – benötigten mehr Übersichtlichkeit und Konzentration, »so ein Gefühl wie ›jetzt seid mal bitte all kurz ruhig‹«, sagt Monika Rinck, während es umgekehrt auf ihrer Website Begriffsstudio.de um »ungeklärte Beobachtungen, Bewusstseinsstörme« geht. Da pickt sie Worte aus ihrem Alltag und erfindet selbst neue Begriffe wie »Untermangeln« oder »Arbeitskleidung Online-Kittel«. Die Begriffe des Begriffsstudios können abonniert werden. Das Ding ist eingeweicht und im Fluss: »Es beruhigt mich immer, dass ich keine Lust habe, damit aufzuhören.«

    An apple a day, oder täglich Monika Rinck lesen: die Apfelmalaise hat dazu geführt, dass ich während des ganzen Gespräches befangen bleibe, mich dauergeniere, mich nicht traue zu fragen, ob wir uns nicht lieber duzen möchten. Ich finde es etwas albern, hier rumzusiezen, doch gerade so eine dieser produzierten Distanzen wie diese hier (auf Journalismus-Hochschulen läuft das bestimmt unter »professionell«) triggert dann doch eine: Unterhaltung.

Monika Rinck »Zum Fernbleiben der Umarmung. Gedichte«, »Ah, das Love-Ding!« (beide: kookbooks), www.begriffsstudio.de

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