Mogwai in Hamburg

Mogwai in Hamburg   FOTO: Robin Hinsch
FOTOS: Robin Hinsch

Können Mogwai noch schocken? Die Schotten sind aktuell auf Tour. Eine Rückblende und Galerie aus Hamburg.

Passend zum Titel der aktuellen Printausgabe von SPEX, vorweg ein Zitat von Stuart Braithwaite, Frontmann, Gitarrist und partieller Sänger der schottischen »Wall of Sound«:

BLUR: ARE SHITE. We decided to proclaim our dislike of one of the weakest bands on the planet by putting out these shirts. We sold out in one day and Super Furry Animals and Pavement have put in an order for more. The thing about the shirt is, it's like a dictionary definition.
(NME,1999)

Das Konzert von Mogwai in der Großen Freiheit 36 ist gut besucht. Nach einem bewusstseinserweiternden Vorprogramm düsterer Loopstation-Musik, stimmen die Stagehands gefühlte sechs Mal die Gitarren. Dann nochmals Linecheck. Nochmals Mikros testen. Die Blicke wandern auf die Smartphone-Displays. 21 Uhr. Das alles hatte seinen Grund. Der Sound ist großartig. Bassdrum in die Magenkuhle, Snare in die Brust und Gitarren, an denen man sich anlehnen kann.

Die Herren mit den Verzerrten sind, ebenso wie Blur und Damon Albarn, mit dem Alter gemütlicher geworden. Hier und da blitzt ein Ehering am Finger, Bierbäuche und schwindende Haare begleiten die Gründungsmitglieder von Mogwai schon seit geraumer Zeit.

Am Schlagzeug sitzt nicht Martin Bulloch, sondern ein junger Mann, dessen Kommunikation mit Frontmann Braithwaite noch hapert. Hier ein Schlag zuviel, da mal nicht immer Becken spielen. Mittlerweile gibt es aber auch zwei Macs zur Orientierung und als Ersatz für schwere Pianos auf der Bühne. Das Konzert ist solide, abgeklärt.

Die brachialen und lückenlosen Schallprodukte von Saiten, Effektgeräten und Verstärkern haben zwar nicht ihren fordernden Anspruch, wohl aber ihre schockierende Wirkung verloren. Von leise zu laut zu leise wird immer die entmachtende Wirkung von musikalischen Extremen mit sich bringen, aber die jüngeren Konzertbesucher (2000er-Parties tauchen seit einiger Zeit in den Programmheften der Clubs auf.) haben mittlerweile Schockierenderes gehört. »Schnappi, das kleine Krokodil« zum Beispiel. Was das Publikum früher verstört und aufgewühlt hat, lädt heute zum Hinsetzen ein. Der geräuschvolle Output von bis zu drei verzerrten Gitarren ist ein Klassiker geworden.

Mogwai verkörpern trotzdem nach wie vor die heilsame Melancholie kreischender Krähen vor grauen Wolken und introvertierten Sinnierens an schottischen Steilküsten für eine Menge emotionaler Fans aus der Headbanger-Riege. Eine Menge ehrliches, unkaschiert Schnulziges, popaffine Harmonien außerhalb gängiger Arrangements und die nötigen Ecken und Kanten für die oft genreunabhängige »Die-haben-einfach-was«-Meinung der unrockigen Besucher.

Ein Konzert, bei dem die Musiker entweder ihre Instrumente, den Boden oder das Innere ihrer Augenlider begutachten. Musik für blutende Ohren, ein permanentes Seufzen auf den Lippen und weitestgehend ohne Worte.

Mogwai live
01.04. Karlsruhe – Substage

02.04. Köln – E-Werk

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