Mike Tyson will sterben. Rezension: »Coconut Hero«

Am 13. August kommt Coconut Hero in die Kinos. Eine dunkle Coming Of Age Komödie über einen unglücklichen Mike Tyson, der partout nicht leben will.

Sebastian Schipper ist momentan in aller Munde. Seine, in einem Take geschossene Berlinallegorie Victoria wurde als ein überfälliger Impuls für das deutsche Kino gefeiert und im Zuge dessen kramte man auch seine frühen Oden auf die Freundschaft und Jugend wie etwa Absolute Giganten wieder heraus. Sebastian Schipper ist ganz plötzlich Deutschlands Regisseur der Stunde geworden und dass obwohl er die letzten Jahre hauptsächlich vor und nicht hinter der Kamera tätig war. Mit der Indie-Komödie Coconut Hero kommt ein weiterer Schipper-Film in’s Kino. Zwar steht Schipper nur vor der Kamera, doch darf er dort in gewisser Weise eine Reminszenz an sein eigenes Frühwerk verkörpern.

Zunächst einmal aber geht die Geschichte von Coconut Hero so:

Mike Tyson will sterben. Mike Tyson (Alex Ozerov) ist weder schwarz, noch ein Kämpfertyp, sondern ein schmächtiger, weißer Junge, 16 Jahre alt, der aussieht wie der junge Bruder von Zach Braff und in einem gottverlassenen Nest im Hinterland Kanadas aufwächst. Mike Tyson ist enttäuscht vom großen Versprechen Leben und deshalb fest entschlossen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Er nimmt also das alte Jagdgewehr, letztes Relikt seines einst getürmten Vaters (Sebastian Schipper), und erschießt sich.

Doch ohne Erfolg. Mike Tyson überlebt und danach wird alles noch schlimmer. Seine überforderte, Mutter, gespielt von einer fantastisch hysterischen Krista Bridges, nimmt den Suizidversuch nicht ernst, sondern als persönlichen Angriff wahr, plötzlich taucht auch der verschollene Vater wieder auf und dilettiert mit elterlicher Unzulänglichkeit und darüber hinaus muss Mike noch zum Psychater (Udo Kier) und in Bewegungstherapie. Kurzum: Mike Tyson will noch sehnlicher sterben und richtet sich deshalb, verzweifelt wie er ist, mit jenem Wunsch an Gott.

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Dann hat Mike Tyson Glück: bei einer Routineuntersuchung wird ihm ein Gehirntumor diagnostiziert. Er entschließt, die Diagnose für sich zu behalten und plant mit größtem Enthusiamus sein Ableben. So fachsimpelt er etwa mit dem Totengräber über das ideale Begräbnis, zimmert seinen Sarg selbst und schließt sogar mit seinem Vaters Frieden. Doch während einer Therapiestunde, lernt er ein gleichaltriges Mädchen kennen, das sich sichtlich für ihn interessiert und plötzlich gerät sein Entschluss mehr und mehr ins Wanken.

Regisseur Florian Cossen, dessen 2010er Debüt Das Lied In Mir für den deutschen Filmpreis nominiert war, gelingt mit Coconut Hero eine morbide Coming Of Age Komödie, die ganz auf die Kraft des Skurrilen setzt. Wenn der Vater seinem Sohn, der sich erschießen wollte, später das Schießen beibringt oder der Totengräber sich über die schlechte Laune und Unvorbereitetheit seiner Kunden auslässt, dann erzählt Cossen diese Szenen ohne große Kalauer, sondern mit dunkler, lakonischer Finesse wie in den offensichtlich als Vorbilder dienenden Klassikern Harold and Maude oder Garden State.

Cossen, der zusammen mit Elena von Saucken das Drehbuch geschrieben hat, entschied sich bewusst gegen eine Produktion in Deutschland und dafür, den Film auf Englisch zu drehen. Gerade dieses periphäre Setting sowie das saloppere Englisch erlauben dem Film ein Kokettieren mit dem Themenkomplex  Familienzersplitterung, Einsamkeit, Depression und Todessehnsucht ohne dabei in küchenpsychologische Klischees zu verfallen oder zu einem typisch lehrmeisterlichen, politisch korrekt und kaputt genormten ZDF-Zweiteiler Moralstück zu verkommen.

Trotz des etwas kitschigen Ende gelingt dem deutschen Kino mit Coconut Hero mal wieder ein Coming Of Age Film wie er sein soll: Ein Film, der sich teenagerhaft ursprüngliche Fragen an das Leben zu stellen traut – naiv und fordernd, mit einem klaren Gerechtigkeitssinn und mit unendlicher Konsequenz – ohne dabei die Balance zwischen lebensphilosophischer Erkenntnis und Unterhaltung zu verlieren.

 

Und was ist nun eigentlich  mit Sebastian Schipper? Der spielt einen Deutschen in Zimmermannstracht, einen gescheiterten Vater, einen Lebemann und Hasenfuß zugleich, einen, der ein Leben lang vor Verantwortung gedrückt hat und vor dem Erwachsenwerden weggelaufen ist, um erst in der Thanatophilie seines Sohnes erwachsen zu werden. Wenn man so möchte, spielt Schipper einen original Schippercharakter, nur zwanzig Jahre in die Zukunft gesetzt.

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