Schleifen der Erinnerung

Ein Gefühl der Beklemmung macht sich breit, wenn man den nachgesprochenen, rund 11-minütigen Kommentar eines ungenannten Soldaten zu den Geschehnissen rund um den gescheiterten Attentats-Versuch auf Adolf Hitler lauscht. Mit dem Münchener Steubenplatz ist die entsprechende Aufnahme verknüpft, dort endete sein Treffen mit Rupprecht Gerngross, dem Anführer der südbayrischen Widerstandsbewegung Freiheitsaktion Bayern. Unterlegt ist die Aufnahme mit einem Ambient-Loop der Künstlerin und Musikerin Michaela Melián (F.S.K.), der mit »Memory Loops« eine eindrucksvolle Auseinandersetzung im echten wie im virtuellen Raum mit dem dritten Reich gelungen ist.

    Insgesamt 300 deutsche sowie 175 englische Tonspuren aus Polizeiprotokollen und Dienstanweisungen, Erinnerungen von Zeitzeugen und Opfern des Nationalsozialismus versammelt »Memory Loops«, ein durch das Internet örtlich losgelöstes, gleichzeitig aber eng mit der Münchener Stadttopografie verknüpftes Denkmal. Gestern wurde »Memory Loops« in der Rathausgallerie Kunsthalle München vorgestellt, seitdem ist das Denkmal aber weltweit per Internet abrufbar. Über die Homepage www.memoryloops.net wird an den »NS-Terror in München« von 1933 bis 1945 erinnert.

    »Es war für mich zum einen ganz zentral bei dem Projekt, bereits existierende Aussagen von Betroffenen oder Zeitzeugen einzufangen, die möglichst aus der Nahperspektive des unmittelbaren Dabeiseins erzählen«, erklärte Michaela Melián im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. »Memory Loops« spinnt Schleifen der Erinnerung: Die musikalischen Arrangements bestehen dabei nur aus Samples – seien es Archiv-Aufnahmen Kurt Weills, Felix Mendelssohns und anderen Komponisten, andererseits aus Field Recordings wie gespielten Gläsern. »Die Musik ist wie immer bei mir eine zusätzliche Erzählstimme«, hält Melián dazu fest. Alle Klänge spielen nur im Hintergrund, im Mittelpunkt stehen stets die von Kindern und Erwachsenen nachgesprochenen historischen Dokumente – sie alleine sprechen schon eine deutliche Sprache.

    Verknüpft ist jede Aufnahme mit einem bestimmten Ort: Ähnlich wie bei zeitgemäßen Anwendungen wie »Google Maps« trägt jede Audiodatei eine Ortsmarke, im November sollen Münchener Passanten mit Hinweistafeln im ›echten‹, öffentlichen Raum auf die mit dem betreffenden Ort verbundenen Audiodateien hingewiesen werden, über eine kostenlose Telefonnummer wird man die Erinnerungen ab- bzw. anrufen können. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich: Auf www.memoryloops.net lassen sich ›Erinnerungsrouten‹ anlegen, die jeweils auf dem Weg liegenden Audiofiles kann man als MP3 herunterladen und auf MP3-Playern oder Mobiltelefonen wiedergeben. Daneben kann man in den Münchner Museen und Institutionen Münchner Stadtmuseum, Jüdisches Museum München, Museum Villa Stuck, Museumsshop des Lenbachhauses im Ruffinihaus, Infopoint des NS-Dokumentationszentrums sowie Haus der Kunst MP3-Player ausleihen, auf denen die einstündigen Memory Loops zu hören sind. Eine iPhone-App samt der Stimmencollagen, einem Stadtplan und GPS-Referenzierung ist ebenfalls in Planung.

    Die »Memory Loops« sind vom  23. September bis 3. Oktober in der Rathausgalerie Kunsthalle München und unbefristet auf www.memoryloops.net zu hören, am heutigen Freitag spricht Melián ab 20:30 Uhr im hör!spiel!art.mix auf Radio Bayern 2 über das »Denkmal ohne Ort«, vom 26.09. bis 24.10. sendet Radio Bayern 2 »Memory Loops« außerdem immer Sonntags und Montags als Hörspiel.

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