„Mein Körper war erregt, mein Geist angewidert“ – Erika Lust im Interview / XConfessions Open Air Erotika in Berlin

Erika Lust

Die Schwedin Erika Lust gilt als wichtige Pionierin der feministischen Pornografie. Ihre Filme tragen Namen wie Five Hot Stories For Her oder Cabaret Desire, sie ist Autorin des Buchs Good Porn und Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Menschenrechte und Feminismus. Nun kommt sie für zwei Abende im Juli mit Live Performances, einem kuratierten Programm ihrer neuesten Erotik-Kurzfilme – unter anderem einem des subversiven Kult-Filmemachers Bruce LaBruce – sowie für ein anschließendes Publikumsgespräch ins Berliner Sisyphos. Mit SPEX sprach Lust bereits 2012 anlässlich ihres Films Cabaret Desire über Pornos mit Handlung und Geschlechterrollen im Erotikgeschäft.

Woher kommt ihre Sehnsucht die Pornoindustrie zu revolutionieren? Gab es ein einschneidendes Erlebnis?
Ja, ich hatte diesen typi­schen 18­-jährigen Freund, der eines Tages mit einem Porno nach Hause kam und sagte: „Komm, lass uns das anschauen und nachmachen!“ Wir haben uns also den Film angesehen, aber ich habe nicht so reagiert, wie er es geplant hatte. Was ich damals sah, fand ich widerlich und antiero­tisch. Trotz allem spürte ich, wie mein Körper auf diese Bilder ansprang. Es gab diese Diskrepanz zwischen Körper und Geist; mein Körper war erregt, mein Geist angewidert. Da hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass es etwas geben sollte, was Körper und Geist befriedigt.

Wie erreichen sie diese Harmonie?
Ganz einfach: Durch Inhalt. Ich glaube, die Frau – und übrigens auch immer mehr Männer – möchte wissen, wer die Figuren in den Filmen sind und warum sie gerade zusammen im Bett oder sonstwo liegen. Wir sehnen uns nach Kontext. Es ist ein simples Prinzip: Wird nichts der Fanta­sie überlassen, entsteht keine Erotik. Ich erwarte nach der Reizüberflutung der letzten Jahre eine Gegenbewegung – ein Zurück zur Subtilität. Wir müssen umdenken, Explizität führt nicht zum Ziel.

Ihre Filme werden aber als Porno verkauft, da erwartet man doch Explizität.
Manche meiner Filme sind erotisch, andere explizit. Ich mag dieses Spiel – man könnte jederzeit „alles“ sehen, weiß aber nie, ob es dazu kommt, dadurch entsteht Spannung. Klar, ich filme Sex, aber in erster Linie möchte ich gute, ästhetische Filme machen, in denen Emotion, Leidenschaft und Beziehungen eine Rolle spielen. Eine akrobatische position show interessiert mich nicht.

Ihre Filme sind also nichts für die schnelle Befriedigung?
Ich sehe meine Filme nicht als Mastur­bationsmaterial. Vielleicht sollte man sie auch gar nicht pornografisch nennen, eher adult cinema oder Erotica. Man kann ja auch Penthouse nicht mit Marie Claire vergleichen, da ist alles anders: das Design, die Themen, der Blickwinkel. Ich möchte die Leute inspirieren und herausfordern. Schaut man sich einen Sex­-Clip im Internet an, erinnert man sich am nächsten Tag nicht einmal mehr daran. Meine Filme wirken nach und regen dann hoffentlich die eigene Fantasie an. Vielleicht verläuft genau da die Grenze: Sobald man inspiriert wird, ist der Film mehr als nur ein Porno.

Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Geschichten? Zum Beispiel für einen Film wie Handcuffs, in dem eine Frau in Handschellen in einem Restaurant verführt wird?
Ich bin Voyeurin, ich beobachte viel. In diesem Fall war es tatsächlich so, dass ich in einem Restaurant war und am Nach­bartisch ein ganz normales Paar saß. Nach einer Weile bemerkte ich, dass die Frau Handschellen trug. Die beiden haben ihr privates Spiel an einem öffentlichen Ort ausgelebt; für eine solche Inspiration bin ich natürlich sehr dankbar. Mir haben aber auch schon Taxifahrer sexy Geschich­ten erzählt.

„Schaut man sich einen Sex­-Clip im Internet an, erinnert man sich am nächsten Tag nicht einmal mehr daran. Meine Filme wirken nach.“

Was gefiel Ihnen an dem Pornofilm, den seinerzeit ihr Freund mitbrachte, nicht?
Ich glaube, vor allem war es die Rolle der Frau. Ich fand es erniedrigend zu sehen, dass die Frau in erster Linie als Objekt dargestellt wurde. Ein Accessoire, dessen Hauptaufgabe es war, dem Mann seine Befriedigung zu verschaffen. Das zum Beispiel war in den erotischen Filmen der 60er und 70er ganz anders.

Inwiefern?
Es gab weibliche Protagonistinnen, die auf der Suche nach ihrem eigenen Vergnügen und ihrer eigenen Befriedigung waren. Ich denke da zum Beispiel an Filme wie Deep Throat. Dies war zur Zeit der weiblichen Emanzipation, und die politi­sche Situation spiegelte sich damals auch in den Filmen wider. Dann erlebten wir plötzlich einen konservativen Rückschlag.

Wen machen Sie dafür verantwortlich?
Den digitalen Fortschritt. Mit der Er­findung der Videokassette veränderte sich alles. Man konnte plötzlich Filme zu Hause schauen. Und natürlich liegt die Schamgrenze daheim niedriger, als wenn man unter Fremden im Kino sitzt und ein erotischer Film läuft. Vor allem wurde es aber viel günstiger, selbst Filme zu produzieren. Viele Stripclub­-Besitzer witterten eine neue Geldquelle und filmten ihre Mädchen. Meiner Meinung nach wurde an diesem Punkt die Pornoindustrie zu einer Männerdomäne. Und das Schlimme ist nicht, dass ein Mann den Film dreht, sondern welche Art von Mann. Wir Frauen müssen unsere eigenen Filme machen. Wie in allen anderen Bereichen, müssen wir uns auch hier um uns selbst kümmern.

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