Matthias Arfmann »Ballet Jeunesse« / Review

Matthias Arfmann widmet sich auf seinem neuesten Werk Klassikern der Ballett- und nicht-ganz-so-Ballett-Musik. Auf Ballet Jeunesse liegt die größte Kraft in der Reduktion – die große Schwäche in der Überfrachtung.

Eigentlich ist das sehr naheliegend. Ballett ist Tanz und in Clubs wird getanzt, besser: Das Tanzen ist dort essentieller Bestandteil der Kultur – warum also nicht diese beiden Kunstformen vermischen? Und da keiner versuchen möchte, die technische Virtuosität der Balletttänzer auf die Clubtanzfläche zu transponieren, um dort etwa ein Solo blitzender Fouettés einzulegen, liegt der Fokus dieser Arbeit auf der Musik.

Es sei die Erfüllung von Matthias Arfmanns Traum, verheißt der Pressetext zu Ballet Jeunesse. Darauf widmet sich der Musiker, am besten bekannt wohl durch seine Arbeiten für die Hamburger Hip-Hop-Szene, Ballettmusik-Klassikern: Nussknacker, Schwanensee, natürlich, aber auch die Musik, die ins 20. Jahrhundert hineinhängt – Prokofjews grandioses Romeo und Julia, Strawinskys Feuervogel. Oder auch Musik, die gar nicht speziell fürs Ballett geschrieben wurde, Erik Saties Gymnopédies etwa oder Opern wie Carmen und Eugen Onegin. Hier könnte man nun spitzfindig werden – immerhin gibt es von John Cranko bereits eine Ballett-Adaption von Onegin, die ebenfalls Tschaikowski-Musik benutzt. Allerdings eine Zusammenstellung anderer Werke und nicht die Musik jener Oper, die nun auf Ballet Jeunesse zu hören ist.

Schnell eine Hi-Hat daraufgesetzt und schon klingt das 124 Jahre alte Stück nach 2016.

Aber egal, denn darum geht es nicht. Arfmann will klassische Musik ins Jetzt holen. Und zeitgenössische musikalische Ästhetik lässt sich am klarsten mit Loops und Beats abbilden. Im Nussknacker nach Arfmann hört sich das ganz flüssig an: die Loops des Geigenthemas suggerieren Gegenwart, schnell eine Hi-Hat darauf und schon klingt das 124 Jahre alte Stück nach 2016. Beim »Tanz der Ritter« aus Romeo und Julia arbeitet Arfmann anfangs nur mit den Bässen und Celli der klassischen Version, düster, drückend und ziemlich super – das markante Geigenthema lässt er erst einmal weg. Dafür wird es umso seltsamer, wenn sich moderne und klassische Percussion mischen. In solchen Momenten kippt die Platte, beispielsweise durch die irgendwie verloren wirkenden Gesangsspuren, die Arfmann hinzufügt.

Den größten Vorwurf, den die Klassikszene dem Schnösel-Geigen-Rocker David Garrett macht, ist, dass er die Melodie in der Klassik mehr liebe, als die Vielschichtigkeit der Kompositionen unter der Earcatcher-Melodik. Diesen Fehler macht Arfmann nicht – ab und an klatscht er jedoch einfach ein bisschen zu viel übereinander. Auf Ballet Jeunesse liegt die größte Kraft in der Reduktion. Prokofjew braucht keinen zusätzlichen Gesang aus der Feder Arfmanns, seine Celli und Bässe reichen schon völlig aus für musikalische Überwältigung.

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