Mary Ocher + Your Government »Mary Ocher + Your Government« / Review

Wie man Ochers Werk lesen muss? Wenn es keinen Ort gibt, an dem man sein kann, wie man will, muss man sich diesen Ort schaffen.

»There is no place for us / No matter how hard you try.« So klingen die Worte einer Person, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel anfangen kann. Trägt die russischstämmige Israelitin und Berufsanarchistin Mary Ocher deswegen neuerdings Silberfolie auf dem Kopf? Und blinzelt einem von diesem Folienhut deswegen ein mit Edding aufgemaltes allsehendes Auge entgegen? Außerirdische? Freimaurer? Naidoo? Irrsinn?

Mitnichten. Ocher präsentiert nur ihren »New Tribalism«, eine Mischung aus Afrofuturismus, Klaus Nomi und Dada. Neben den Berufsbildern Regisseurin, Autorin, bildende Künstlerin und Musikerin fügt die 29-Jährige ihrem Profil nun auch Schamanin hinzu. Sie will nach eigenen Aussagen durch eine sub-religiöse, audiovisuelle Erfahrung Geister einer lang vergangenen Zeit heraufbeschwören. Nun könnte man auf Ochers Idol Nina Hagen verweisen – und der Künstlerin einen Vogel zeigen. Doch im Vokabular dieses exzentrischen Adoptivkinds Berlins hat das Wort »realitätsfern« eine andere Bedeutung.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zog Ocher im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie – der Vater Puppenspieler, die Mutter Ingenieurin – nach Tel Aviv. Mit 18 entfloh sie der neuen Heimat, um nicht vom Militär eingezogen zu werden, wofür sie sich in Israel bis heute rechtfertigen muss. Seit jeher bekämpft sie in ihren Texten Nationalismus, Xenophobie, Dogmatismus und Konventionen, sie hat ein Anarchie-A auf ihr Handgelenk tätowiert, hinterfragt weibliche Identität. Vor diesem Hintergrund ist Ochers Schamanismus kein rein eskapistischer, sondern ein zutiefst politischer: Lasst uns die Dämonen überholter Systeme vertreiben! Lasst uns die Welt neu denken!

Lasst uns die Dämonen überholter Systeme vertreiben!

Flankiert wird Ocher dabei von Your Government, einem Schlagzeugdoppel, das sie seit drei Jahren auf Tour begleitet. Die zwei Drummer sind entscheidend für Ochers neuen Tribal-Sound, der im Studio von Tony-Allen-Kollaborateur Jochen Ströh in Form gebracht wurde. Sie trommeln den Teppich unter den Stücken weich und die Hörer in weit entrückte Trance. Zwischen den Schlägen japst und dröhnt und heult Ocher wie eine exorzierende Meredith Monk, die sich im Kosmos von Alejandro Jodorowsky verfangen hat.

Bereits veröffentlichte Stücke wie »The Sound Of War« und »I Am A Tree« werden neu interpretiert und wirbeln in ungezähmter Dynamik umher. Am Ende wird ein Geist angerufen, von dem zum Zeitpunkt der Aufnahme noch niemand wissen konnte, dass er heute nun wirklich ein solcher ist: Eine Interpretation von David Bowies jüngerer Berlin-Ode »Where Are We Now?« ist der ungelistete Bonustrack. Die Zeile »Just walking the dead« bekommt eine neue, schmerzhaft bittere Bedeutung. Ocher nimmt möglicher Kritik an ihrer Coverversion letztlich den Wind aus den Segeln: Wenn es keinen Ort gibt, an dem man sein kann, wie man will, muss man sich diesen Ort eben schaffen. Das ist Freiheit. Das hat uns Bowie mitgegeben. Und so muss man auch Mary Ochers Werk verstehen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here