Make Orange Great Again – Roskilde Festival 2017 / Rückblende

Ein Trip durch psychedelische Wüstenlandschaften mit Moon Duo.

Ein Banner flatterte von einem über das Festivalgelände kreisenden Flugzeug: Das dänische Modelabel Wood Wood kündigt das bevorstehende Blockbuster-Entertainment an. „Check Yo Self“ vermeldete der Himmel, und Ice Cube tat, was er konnte – Storytelling, und zwar vor, während und nach dem Song – in einem Westside-Warlord-Outfit. Auch er erwies seinen Vorbildern, Kollegen und seinen dead soldiers die Ehre, vor allem aber handelte es sich bei Ice Cubes Performance um ein Katz-Und-Maus-Spiel mit Autoritäten. Auf ein Dinner mit dem Präsidenten hat er bekanntlich keinen Bock, und auf der Bühne wurde ausdiskutiert, wie zur Hölle ausgerechnet die Polizei auf die Idee käme, Menschen à la Ice Cube thugs zu nennen. Zurecht brachte Ice Cube somit die Problematik staatlicher Gewalten, die Exekutive und Exekution offensichtlich nicht auseinanderhalten können, auf den orangefarbenen Schirm. Aussagen wie „die Guten mag ich, aber die Bösen sind kacke“ gehörten für Cube aber ebenso zum Programm – geht auch nicht anders für jemanden, der in seiner Karriere die Entwicklung von NWAs „Fuck Tha Police“ zum beliebten Fernsehcop hingelegt hat. Freddie Gibbs entschied sich hingegen für eindeutigere Ansagen. Wo so manche Acts ein „Let me hear you say yeah!“ oder „How you doing tonight, Roskilde?“ als Lückenfüller platzierten, brüllte er zumeist „Fuck the police!“ und ähnliches. Das DJ-Set vor seinem Gig heizte mit Kendrick Lamars letzten Damn-Stücken ein – mit deutlicher Message.

Im Gegensatz zum motivationslosen DJ-Set samt Effekthascherei des leuchtenden Kreuzes von Justice glänzte Bonobo mit seiner Ernsthaftigkeit. Mal allein an den Reglern, mal an den Saiteninstrumenten mit der Unterstützung von Bläsern, Keys, Drums und Szjerdenes strahlender Stimme, versetzte er die Menschen vor der Apollo Stage in eine sphärische Stimmung. Mithilfe der träumerischen Visuals, die unberührte Natur ebenso wie von Sci-Fi anmutende Szenerien zeigten, lieferte Bonobo den perfekten Soundtrack zu Traumreisen durch auf und ferne Planeten.

Solanges Auftritt besänftigte genervtes Durchquetschen und jegliches Rumgeschubse.

Auf die Sicherheit der Zuschauer legten besonders viele Acts wert: Ausgerechnet Gucci Mane, der für gewöhnlich gleich wieder verknackt wird, sobald er aus dem Knast kommt, machte den spießigen Papa und unterbrach das Konzert, als Fans auf die Gerüste kletterten. „You need to take care of each other, I want you to go home safe. Please get off the poles, otherwise we won’t be playing anymore.“ Die Kids waren schneller unten, als man gucken konnte. Auf einen Gangsterrapper wird eben gehört. Auch dem jazzigen Hip-Hop-Trio Digable Planets liegt die Sicherheit der Leute am Herzen: „Whatever you do in your tents and all that shit, have fun. But take care, so that we can have fun next year again!“, hieß es bei ihnen. Mit Drums, Bass, Gitarre, Keys, Synths und Percussion bauten sie Layer um Layer einen Sound, der die Avalon Stage zum Beben brachte. Die Drums hauten Filler à la Bonham raus, Mary Ann Viera aka Ladybug, Shabazz Palaces’ Ishmael Butler alias Butterfly und Craig Irving aka Doodlebug belebten ihre Rebirth Of Slick-Klassiker wieder und brachten auch sonst fette Beats von noch fetterer Qualität auf die Bühne.

Energischer als bei Future Islands ging es auf dem Roskilde selten zu: „Oh, this is gonna be fucking fun!“ Das Publikum stimmt zu: Selbst ein technisches Problem, das zwischendurch aufkam, überbrückte die Meute mit frenetischem Klatschen. Und auch sonst beklatschten sie alles, was die Synth-Popper so fabrizierten: Herrings Kreuzzeichen, seine Ansage zu „Walking Through That Door“, der vom Unterstützen eines hilfebedürftigen Freundes handelt, und sein stimmliches Rangieren zwischen Schmerz und Schutz, zwischen Scream und Pop. Und über Future Islands‘ „Seasons“ muss sowieso nichts weiter gesagt werden.

Solange Knowles zog mit ihrem Gig so viele Menschen an, dass sich prompt ein zweiter Publikumssaal um die eigentliche Location formierte: Gehwege waren versperrt, Roskildes Knotenpunkte unzugänglich. Ihre Musik besänftigte jedoch genervtes Durchquetschen und Rumgeschubse. Und spätestens, als Solange von der Bühne ging, um ein zu Tränen gerührtes Mädchen in der ersten Reihe zu trösten, waren die Herzen der Zuschauer ganz bei ihr. Der Kitsch verschwand, als Solange mit den Backing-Sängerinnen entgegen aller Norm wohlige Dreistimmigkeit gegen kakophonisches Schreien austauschte.

Show Me The Body geisterten auf dem Roskilde als kleiner Geheimtipp herum – und brachten den wohl dreckigsten Basssound überhaupt auf das Festivalgelände.

Weil Father John Misty sich mit seinem Auftritt die Unterstützung des Kopenhagener Orchesters Tivoli Copenhagen Phil gesichert hat, brachte er auch das kälteste Herz in ganz Roskilde zum Schmelzen. Klanglich läpperte das Orchestrale mit dem vielschichtigen Folk zusammen, für besonders berührende Momente wie im Duett mit dem Piano nahm der Folk-Vater auch mal die Sonnenbrille ab.

Show Me The Body geisterten auf dem Roskilde als kleiner Geheimtipp herum – und brachten den wohl dreckigsten Basssound überhaupt auf das Festivalgelände. Das New Yorker Hardcore-Trio haute genau das raus, was man sich von Rage Against The Machine wünschen würde, gäbe es sie noch. Der imaginäre Defibrillator am Amp angestöpselt, das echte Banjo anstelle einer Gitarre verstärkt – und vor der Bühne ein dynamisches Gewühl, zuweilen energetischer als bei so manch einem Headliner-Act. All das im Einklang mit der Attitüde der Band – die schiss nach ewigen Justierungen letztlich doch auf kleinliche Soundaffinitäten: „Fuck the PA, let’s do this shit. Feel free!“

Weitere Randbeobachtungen: Dave Grohl rülpst gern mal vor 60.000 Menschen (und sagt danach nicht „Schulz“!), Moon Duos Psych-Motorik und Visuals waren trippy as fuck und Arcade Fire brauchten eine Weile, bis aus „Everything Now“, Abba und Bügelmusik letztlich Arcade Fire wurden. Bei all der Ausgelassenheit rannten aber auch Menschen mit Stickern auf der Jacke herum, die kritisch das Festivalmotto anmahnten: „How many women are performing at RF17?“ Gute Frage. Einige, eine ganze Menge sogar. Aber längst nicht genug. Deswegen fordert das Festival dazu auf, vor allem Künstlerinnen für das Line-Up des nächsten Jahres vorzuschlagen. Roskilde gibt sich Mühe. Und das merkt man.

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