M.I.A. Kala

Hörgewohnheiten neustarten? Die gegensätzlichen Meinungen zur musikalischen Evolution Mathangi Arulpragasams alias M.I.A. machen das notwendig. Neben übersteigertem Lob war im Vorfeld auch von »Bollywood-Kitsch«, »Peinlichkeiten« oder »Rausschmeißer-Songs« die Rede, auch von einem »ins Klischee gesteigerten Abziehbild von ›Arular‹«. Anders als zu Zeiten von »Arular«, dem Debüt-Album der gebürtigen Britin mit srilankesischen Wurzeln, ist man heute als Hörer vorbereitet, die Erwartungshaltung ist da. Man kann die ehemalige Kunststudentin kulturell und politisch einordnen, den Zusamenhang zu Global Pop herstellen und gleichzeitig erkennen, dass all diese Katalogisierungsmethoden letztendlich wieder nicht richtig greifen.

    Neustart der Hörgewohnheiten deshalb auch, weil sich Mathangi ›Maya‹ Arulpragasam stets weit über ihre Musik hinaus zu inszenieren wusste: Dass diese Eigenvermarktung in Form von Kunstdrucken, mit Musik gefüllten USB-Sticks, greller Kleidung oder ebenso greller HTML-Programmierung ihrer Webseite stattfand, ist das eine. Was aber in erster Linie zählt ist das überspitzte Camouflaging, das Parolenhafte, die aggressive Vermittlung ihrer Botschaft, einen cultural Shift forcieren zu wollen: So inszeniert sich M.I.A. als Mittlerin zwischen ihren beiden Heimatländern England und der heutigen Republik Sri Lanka, dem früheren Ceylon, jener britischen Kolonie, die bis 1948 dem Empire unterstellt war. Heute bedient die Künstlerin M.I.A. die an sie gerichteten Erwartungen, liefert mit »Kala« einen musikalischen Progress ab, eine logische Weiterentwicklung des von ihr initiierten Kulturtransfers traditioneller Musiken in Kombination mit westlichen Songstrukturen und Lyrics.

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    Dabei muss man aber den Klischees Einhalt gebieten: Ihre Beats klingen nicht deshalb aggressiver, weil Arulpragasam vor dem Bürgerkrieg flüchten musste. Und ihre Ikonografie ist nicht deshalb so einzigartig, weil sie auf der Reise zwischen Orient und Okzident auf jedem zweiten Basar Halt gemacht hat. Vielmehr ›funktioniert‹ die Musikerin M.I.A. über den Kunstbegriff, über die Behauptung einer Revolution und damit vor allem über Berechnung. Hier hat man keinen verbitterten Flüchtling vor sich, sondern eine dreißigjährige, modisch überakzentuierte Britin, die um die Welt jettet und in ihren Musikvideos unzählige »Boyz« für sich tanzen lässt. Das setzt sich in der bewusst verzerrten Schreibsprache auf ihrem Myspace-Blog fort und endet bei der visuellen Anlehnung ihres Cover-Artworks an die Fotoästhetik des lybischen Führers Muammar al-Gaddafi.

Runterfahren!

    »Kala« ist – vorneweg gesagt – eine musikalische Sensation. Im Gegensatz zu »Arular« ist »Kala« in sich schlüssig, stringent, logisch aufgebaut. Den einzigen Ausreisser wagt das letzte Stück, »Come Around«, die Kollaboration mit Timbaland. Jenes Stück war auch schon als Bonustrack auf dessen Album »Shock Value« als UK- und Japan-Bonus-Track, was den zahnlosen produzierten Beat sowieso schon aus dem Gesamtbild zerrt.
    Gemeinsam mit dem englischen Produzenten Switch entwickelte M.I.A. den Großteil der Beats; die Produktionen von Diplo, Morganics, Blaqstarr und eben Timbaland bilden die Ausnahme. Außerdem tauchen auf »Kala« verstärkt Samples aus Indien, Trinidad und Sri Lanka auf, welche sie teilweise on-the-fly während ihrer Reisen zwischen dem indischen Chennai und Jamaika aufgezeichnet hat. Daneben Zitate in Richtung der verschiedenen Popkulturen: Der westlichen Musikhistorie entnimmt M.I.A. Samples von Jonathan Richman, The Clash, New Order und den Pixies. Aus dem indisch-tamilischen Kino stammen Bollywood-Musiken lokaler Produzenten, Stücke wie »Bird Flu«, »Jimmy« oder »The Turn« kann man daher auch eindeutig dem entsprechenden Kulturraum zuordnen. Der Transfer einer Rezeption von Popmusik eben, mit der man sich hierzulande nie ernsthaft auseinandergesetzt hat. Nun gibt es eine Künstlerin, die Bollywood mit einem guten Zugang für westliche Ohren macht, das sollte man mindestens zur Kenntnis nehmen.

Ausschalten!

    Aus Afrika berichtet sie in »20 Dollar« über den zum Maschinengewehr verzerrten »Blue Monday«-Hook: Eben soviel/-wenig koste das AK-47-Gewehr in den Konfliktregionen, die effizienteste und meistverbreitete Tötungsmaschine der Welt ziert ja schließlich auch die Landesflagge von Mosambik. In »Hussel« konstatiert der ebenfalls in London lebende Rapper ›Afrikan Boy‹ in kantig-spittendem Grime: »You think it’s tough now? Come to Africa! (…) Police I try to avoid them / they catch me hustling they say deport them«. Über den signifikanten Fanfaren-Sound solcher Baile-Funk-Produzenten wie z.B. EDU K legt M.I.A. in »XR2« ihre Schilderung des 1992er Rave-Höhepunkts in London. »Who’s that girl called Maya«, fragte sie Eingangs in »Bamboo Banger«. Die Antwort gibt sie in dem von »Straight From Hell« (The Clash) geprägten »Paper Planes«: »This is M.I.A. / A third world democracy«.
    Mehr als die Stimme der Welt ist »Kala« aber allemal: Einerseits ein makelloses Pop-Album, das lediglich einem eigenen kulturellen Verständnis von Popmusik folgt. Andererseits schafft »Kala« einen feierbaren Kulturtransfer, dem man sich nur ergeben muss. Logisch klingt das fordernd, aber dafür ist es originär.

Deshalb: Neustarten!

LABEL: XL Recordings / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 24.08.2007

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