Lucy Dacus »No Burden« / Review

Das Debütalbum der 21-jährigen Lucy Dacus beweist wieder einmal, dass eine Singer-Songwriter-Platte doch mit ihrer textlichen Qualität steht und fällt.

Tolle Platten sind wie Liebe auf den ersten Blick: Man erkennt sie sofort. Schon beim Opener »I Don’t Wanna Be Funny« hat es bei mir gefunkt. Und auch der amerikanische Rolling Stone schwärmt von Lucy Dacus’ Debütalbum No Burden als einem der »besten Indierock-Alben des Jahres«. »Ungewöhnlich warm« meint auch Pitchfork, und was uns alle so begeistert sind diese offenherzig-selbstironischen Texte, die die 21-jährige Singer/Songwriterin in schönste Harmonien und schärfsten Lead-Gitarren-Riffs packt.

Dacus trat zunächst alleine auf, bis sie auf den ebenfalls aus Richmond, Virginia stammenden Gitarristen Jacob Blizard traf. Der animierte sie im Rahmen eines College-Projekts dazu, ein Album aufzunehmen. No Burden versammelt beides: die Zeit vor und nach Blizard. Die neun Songs auf Dacus’ Debüt wurden mal mit Begleitband, mal ohne eingespielt. Doch ganz unabhängig vom Hintergrund singt Dacus erdig und kunstvoll zugleich und unterstreicht damit das, was diese Platte so besonders macht.

Cool, weil sie genau das nicht sein will: cool.

No Burden beweist nämlich wieder einmal, dass eine Singer/Songwriter-Platte im Endeffekt doch mit ihrer textlichen Qualität steht oder fällt. Bei Dacus hat jeder Text ein eigenes Setting, eine Wendung ins Tragikomische, einen Sog. Das Poetische ist allgegenwärtig da, man muss es sich nicht erst in die Musik hinein geheimniskrämern. Man hört ihr gerne zu, wenn sie ihre fantasievollen Geschichten immer weiter spinnt, in neue Zeitebenen taucht, sprachlich gewandt, mit glänzendem Humor. Wenn sie Zeilen singt wie: »I don’t wanna be funny anymore / I got a too short skirt, maybe I can be the cute one / Is there room in the band? / I don’t need to be the front man / If not, then I’ll be the biggest fan«. Und cool ist, weil sie genau das nicht sein will: cool. Das gilt auch für ihre Liebeslieder, die ungewöhnlich weit nach innen blicken und nach außen greifen, ihr Begehren hellsichtig ertastend.

Mir persönlich gefallen die treibenden, schnelleren, in klassischer Bandbesetzung aufgenommenen Stücke am besten. Aber auch wenn Lucy Dacus sich alleine der Gitarre annimmt, um eine Ballade anzustimmen, gelingen ihr tolle, dynamische Lieder mit verblüffenden Hooks. Wie unverhoffte Augenblicke – auf den ersten Blick.

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