Lucrecia Dalt »Ou« / Review

Die Stimme der gelernten Ingenieurin macht meist Urlaub von der Semantik und fungiert nur noch gelegentlich als onomatopoetisches Instrument.

Für ihr fünftes Album hat die in Berlin lebende Kolumbianerin Lucrecia Dalt ihr Studio in einen Projektionsraum verwandelt. Klassiker des Neuen Deutschen Films von Werner Schroeter bis Helma Sanders-Brahms flossen als Inspirationsquellen direkt in den Produktionsprozess ein. Statt romantisch in inneren Tiefen oder Untiefen zu wühlen, hat sich Dalt zur seismografischen Registraturmaschine eines filmischen Außen gemacht. Diese Orientierung am bewegten Bild hat zu einer noch deutlicheren Auflösung klassischer Songarchitekturen geführt. Auch die Stimme der gelernten Ingenieurin macht meist Urlaub von der Semantik und fungiert nur noch gelegentlich als onomatopoetisches Instrument.

Die in verschiedene Abschnitte unterteilten Tracks folgen einem metamorphotischen Prinzip: Eben klöppeln noch irdene Beats ein ostinates Muster, dann fesseln metallisches Zirpen oder eine unterkühlte Minimal-Wave-Figur die Aufmerksamkeit, bevor Dalts manipulierte Stimme als Stakkato durch den Raum flattert und sich schließlich die Hintergrundstrahlung des Kanals mit Knistern und Rauschen zum eigentlichen Aufmerksamkeitsgegenstand umstülpt, während das gerade noch Interessante im entropischen Mahlstrom des erstaunlich prädigital anmutenden Pseudo-Vintage-Elektronik-Sounds verschwindet. Dalts Verwandlungen haben weder den subliminal-unmerklichen, geometrisch-repetitiven Charakter einer M.C.-Escher-Zeichnung respektive Philip-Glass-Sinfonie, noch stellt sich bei ihnen die typische betäubungsmittelaffine »Wie sind wir nur hierher geraten?«-Verwunderung ein, die man auf späten Stücken der Klangokkultisten Coil findet, wo man sich nach einer Viertelstunde weder erklären kann, weshalb das Stück plötzlich so anders klingt, noch an irgendwelche musikalischen Wechsel oder gar Brüche erinnert.

Produktionsästhetisch lässt sich vorstellen, dass die Konzeptualistin Dalt für ihren Industrial mit menschlichem Antlitz den überaus schlauen Rat aus Brian Enos und Peter Schmidts Oblique Strategies (1975) beherzigt hat, den Fehler als versteckte Absicht zu ehren. Außerdem ein bisschen Wittgenstein’sches »Denk nicht, sondern schau!« Also: denken verlernen als bewusste denkerische Strategie zur Generierung von Kunst.

Es wird Menschen geben, die dieses Album düster, unmusikalisch, anstrengend finden. Man halte sich von ihnen fern. Gewiss: Als Klanghintergrund für die Shoppingmall taugt Ou eher nicht (wenngleich die feindliche Übernahme der Beschallungsanlagen in Warenhäusern als Experiment am Endverbraucher eine schöne Performance-Idee gäbe). Aber es braucht auch keine »Rezeptionsarbeit«, deren Verrichtung unlängst der Boyband-goes-Neue-Musik-Existenzialist Scott Walker im Interview mit dieser Zeitschrift einforderte. Und obwohl Ou bei aller merkwürdig freundlichen spookiness ein Kind der Aufklärung und deshalb immer auch Musik über Musik ist, hat man nie den Eindruck, einem aus Kulturfördergeldern finanzierten Intellektuellenscherz beizuwohnen. Auch wenn einem diese Musik nicht gleich noch die Mühe des Hörvorgangs abnimmt, reicht sie einem doch die Hand. Ein wenig ist es mit ihr wie mit tollen Menschen: Wie lange man sie auch kennen mag, stets bewahren sie einen Rest der aufregenden Fremdheit des Beginns.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here