Lord Raja A Constant Moth

Huldigung des Beat: Lord Raja unterwirft sich auf A Constant Moth erfolgreich dem Groove-Diktat.

Anfang der Fünfzigerjahre widmete sich die Regisseurin Maya Deren der haitianischen Voodookultur. Aufnahmen ihrer Dokumentation Divine Horsemen: The Living Gods Of Haiti zeigen unter anderem Rituale, in denen Trommeln eine zentrale Rolle spielen. Es sind die Drums und Beats per se, denen ein heiliger Status zugesprochen wird, die Musiker dienen nur als überliefernde Instanz, genau genommen sind sie das Instrument, gespielt von höheren Mächten. Eine interessante Perspektive – sieht man vom sakraler Zusammenhang mal ab –, die im Rahmen westlicher Musikverwertung allerdings wenig bis gar keinen Sinn ergibt. Mit popkulturellem Subjektfetisch ebenso wie mit hochkulturellem Geniemythos lässt sich die Formel »Künstler gleich Objekt« nur schwer vereinbaren. Und überhaupt: Wieso sich der Trommel unterwerfen? Warum nicht gleich zurück aufs Schiff, quer über den Black Atlantic, immer schön im Takt rudern?

Und doch: Auch in unserer Welt gibt es keine Musik ohne den perfekten Beat, wie Afrika Bambaataa bereits wusste. Jüngstes Opfer des Groove-Diktats: Chester Raj Anand alias Lord Raja. Im Grundschulalter von seinem Bruder mit der Produktion am Rechner vertraut gemacht und offensichtlich mit HipHop-Beats aufgewachsen, liefert der New Yorker mit seinem Albumdebüt zwölf in sich geschlossene Kapitel, die dem Beat in unterschiedlichen und doch verwandten Manifestationen huldigen und dabei viele feine Unterschiede begreifbar machen. Gleich zu Beginn reißen einem die Footwork-Triolen von »Yelleo E« den Boden unter den Füßen weg, nur um einen daraufhin von »Van Go« wieder aufzurichten und in treibendem Gleichschritt zu den Parolen von Gastrapper Jeremiah Jae marschieren zu lassen. »Pistol Refix« packt einen wiederum am Schopf und sorgt in einst typischer Flying-Lotus-Manier bei gemütlichen 80 bpm für einen starken Kopfnickreflex. »Throw Them Out (System)« schleudert einen dagegen mit einem Drum’n’Bass-Hi-Hat-Gewitter ins Trauma, in dem die Slow-Mo-House-Drums von »De Lia Lu Lu« zum Halbtotentanz bitten.

Angeblich soll sich Lord Raja während der Arbeit an A Constant Moth mit der stochastischen Musik von Iannis Xenakis beschäftigt haben. Dessen Ansatz mathematischer Komposition zeigt einen Weg zur rhythmischen Emanzipation auf. Bezeichnend ist aber, dass Anand dabei allein auf Xenakis’ Idee der Granularsynthese zurückgreift, die hier in mechanischen Flächen und Synthesizerknistern überall widerhallt. Gut so. Denn dem Imperativ des Grooves soll Anand so schnell gar nicht entkommen. Oh Lord, forbid!

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