Little Simz »A Curious Tale Of Trials + Persons« / Review

Little Simz ist die wahrscheinlich egozentrischste Rapperin aller Zeiten: Es gibt niemanden außer ihr selbst auf A Curious Tale Of Trials + Persons.

Roots Manuva sagt, es fehle der Rapmusik an Melodrama. Der Duden kann das nicht bestätigen. Er weiß, ein Melodrama ist ein »mit Pathos deklamiertes Schauspiel mit untermalender Musik«, und diese Definition deckt sich mit Straight Outta Compton und To Pimp A Butterfly, mit Drake vs. Meek Mill, K.I.Z vs. Kristof Schreuf oder Kanye West vs. der Rest der Welt. Es gab eigentlich keinen Aufreger im 2015er-Rap, der nicht in irgendeiner Weise melodramatisch war. Aber Manuva meint ohnehin etwas anderes: Ihm fehlen Leute, die gleichzeitig rappen und Theater spielen, die für keep it real stehen und trotzdem over the top sind. Leute, die mit dem ganzen Farbkasten malen. Bis vor kurzem fehlte ihm – was für ein Zufall! – auch noch eine Platte wie seine eigene neue.

Oder aber auch: eine wie A Curious Tale Of Trials + Persons, das Debütalbum von Little Simz. Simz heißt eigentlich Simbi Ajikawo, sie ist halb so alt wie Roots Manuva und wohnt am anderen Ende von London, im unspektakulären Islington. Anders als Manuva, der seinen Stil aus UK Bass und Dub herausfilterte, steht sie mit ihrer Rapmusik in keiner explizit britischen Tradition. Missy Elliott, Lauryn Hill und MTV waren für Little Simz wichtiger als irgendwelche Grime-Läden, in die sie sowieso nicht reingekommen wäre. Dafür ist A Curious Tale Of Trials + Persons mustergültig melodramatisch, vom Shakespeare-Baukastentitel bis zum Motiv des Königsmords, mit dem im ersten Stück »Persons« die Richtung vorgegeben wird. »Everybody should know that I’m kiiing now«, rappt Simz, das Schlüsselwort krempelt sie dabei Nicki-Minaj-mäßig auf links, wir zählen mindestens drei I. Dazu Kirchenglocken und Ruhe-vor-dem-Sturm-Musik. Eine Bombe geht hoch, und das war dann das.

Little Simz ist Naturtalent und Naturgewalt zugleich, sie scheint nach Belieben über Silben, Betonungen und Reimschemata zu verfügen. Sie ist außerdem die wahrscheinlich egozentrischste Rapperin aller Zeiten: Es gibt niemanden außer ihr selbst auf A Curious Tale Of Trials + Persons, keine greifbaren Antagonisten, Kulissen oder Szenenbeschreibungen. Sogar ein Song, der eigentlich von ihrer lautstärkeempfindlichen Nachbarin handeln soll, beginnt und endet im Kopf der Künstlerin. Dabei gibt sich Simz so siegesgewiss, dass sie gar nicht mehr von ihrem unvermeidlichen Weg nach oben erzählt, sondern gleich damit anfängt, verschiedene inthronisierte Versionen ihrer selbst durchzugehen: den gütigen König, den blutrünstigen König, den dummen König. Es sind alles ziemlich einsame Könige.

Nicht mal die Leute, die das Konzept der Selbstermächtigung durch Rap erfunden haben, schienen die Sache jemals so ernst zu nehmen wie Little Simz auf A Curious Tale Of Trials + Persons. Alle Authentizitätsanzeiger, die HipHop für eine junge MC zur Verfügung hat, sind im Einsatz: glitzerfreier und Hipsterinsignien-loser Post-Workout-Look, handgezeichnetes Cover im Sketchbook-Stil, Klavier und Streicher und gesampelter Regen, mehr quietschige Gitarren als auf allen anderen Rap-Platten des Jahres zusammen – und nicht zuletzt ein Flow zwischen Götterdämmerung und Steinschlag auf der Serpentinenstraße, den Little Simz in 35 ökonomischen, aber auch gnadenlosen Minuten auskostet.

Warum ist dieses Album eigentlich nicht totale Scheiße? Vielleicht, weil Little Simz das Risiko eingegangen ist, totale Scheiße zu ihren eigenen Bedingungen zu machen. Damit hat sie Einiges gewonnen.

Es scheint unvermeidlich, die amerikanisch geprägte Engländerin Little Simz mit den englisch geprägten Amerikanerinnen Azealia Banks und Angel Haze zu vergleichen, die Anfang des Jahrzehnts als Zukunft des Rap galten, bevor sie im Kleinkrieg mit ihrem jeweiligen Majorlabel viel Energie und Zeit vergeuden mussten. Banks und Haze sind die cautionary tales zu Little Simz’ Curious Tale. Das Album wurde zwar im Londoner Tonstudio einer großen Energy-Drink-Manufaktur aufgenommen, erscheint aber auf Simz’ eigenem Label – ohne Singles, Hooklines, andere Rapper oder sonstige erkennbare Anpassungen. Nur einen Behind-the-scenes-Film gibt es als Begleitprogramm. Er heißt The True Story, dauert 13 Minuten und ist kolossal langweilig, gerade weil er einfach nur die wahre Geschichte erzählt. Little Simz zeigt sich zielstrebig, fleißig und beinahe vollständig humorlos. Dagegen ist sie auf Platte tatsächlich beeindruckend.

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