Lemmy Kilmister – »Sex ist eine Religion«

Foto: Robert John
Foto: Robert John

Heute vor genau einem Jahr verstarb Lemmy Kilmister im Alter von 70 Jahren. Wenige Wochen vor seinem Tod sprach SPEX zum letzten Mal mit dem Mann, der als Motörhead-Frontmann sein Leben in den Dienst des Rock ’n’ Roll stellte.

Jack and Coke oder lieber Screwdriver? Ich nehme den Wodka, weil’s besser schmeckt, aber auch aus Solidarität mit Lemmy. Der hat zwar eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Tisch stehen, sein Plastikbecher ist der Diabetes wegen inzwischen aber stets mit Wodka Orange gefüllt. Vor zwei Jahren mussten Motörhead einige Konzerte ausfallen lassen, weil es ihm nicht gut ging. In Los Angeles setzten die Ärzte Lemmy einen Defibrillator ein, und Motörhead waren wieder da. Vor kurzem ist Bad Magic, das 23. Studioalbum der Band, erschienen. Jetzt sind sie mit Girlschool und Saxon auf Jubiläumstournee.

Rechts auf Lemmys Tisch in der Ludwigsburger Arena steht ein Spielautomat. Im Ausgabefach liegt ein Dutzend Zwei-Euro-Stücke. Vor ihm ein Tablet-Computer, mit dem er gerade spielt. »Das ist Angry Birds II«, sagt er. Lemmy ist dünn geworden. Er hat schmale, feine Hände, die Hände eines Künstlers und Liebhabers. Wie er da sitzt, wirkt er wie ein alter Schamane, der alles gesehen hat und mit sich im Reinen ist. Sobald er zu sprechen beginnt, leuchten seine Augen auf. Es ist ein Licht, das ganz tief von Innen kommt.

Lemmy, Heiligabend werden Sie 70. Und Motörhead gibt es in diesem Jahr auch schon 40 Jahre.
Unser erstes Konzert war im Februar 1975. Wir spielten als Vorgruppe von Greenslade im Roundhouse in London.

Haben Sie sich damals vorstellen können, noch mit 70 vor Leuten zu spielen, die alle wild drauf sind, Sie zu hören?
Nein, du willst spielen, das ist alles. Du suchst dir Leute und machst Musik, die dir gefällt. Das führt aber nicht immer zu etwas. So war es bei den vier, fünf Bands, in denen ich vorher gespielt habe. Motörhead dagegen wurden populär, und dann wurde es zur Sucht.

Sie mussten Ihr Konzert in Paris absagen. Es hätte einen Tag nach dem Terrorangriff auf das Bataclan stattfinden sollen.
Wir sind selbst schon im Bataclan aufgetreten, mindestens zehn Mal.

Kennen Sie die Eagles Of Death Metal persönlich?
Nein, aber ich habe im Fernsehen gesehen, wie sie davon erzählt haben. Haben Sie Feuer? (Lemmy bietet eine Marlboro an. Wir rauchen)

Haben Sie darüber nachgedacht, wie es wäre, auf der Bühne zu stehen, wenn so was passiert? Ich stelle mir vor, dass man den Gedanken gar nicht abwehren kann. Noch dazu, wenn man den Club so gut kennt.
Ja, aber so was kann mich nicht aufhalten. Ich hätte am nächsten Tag in Paris gespielt, wenn wir gedurft hätten.

„Krieg ist ein griffiges Thema. Irgendwo findet immer einer statt.“

Um damit eine Ansage zu machen?
Nein. Um mir selbst genüge zu tun. Du kannst Rock ’n’ Roll nicht mit Gewehren stoppen. Was wollen sie mit so was erreichen? Dass sich ihnen noch mehr Leute anschließen, wenn sie ein paar unschuldige Menschen erschießen? Was für dreckige Arschlöcher.

Ihre Texte handeln oft von Gewalt. Es gibt kein Motörhead-Album, auf dem es nicht mindestens einen Song über Krieg gibt. Warum?
Krieg ist ein griffiges Thema. Irgendwo findet immer einer statt.

Vor 20 Jahren sind Sie in der Doku In A Metal Mood aufgetreten. Der Film erzählte die Geschichte, wie Pat Boone mit einem Orchester seine Lieblings-Metal-Songs aufnimmt.
Pat Boone hat mich nicht überzeugt. Weder 1959 noch 1995.

In diesem Film haben Sie einen Satz gesagt, der für mich die Essenz von Motörhead zusammenfasst: Motörhead ist Musik für das Zeitalter der Massenvernichtung.
Musik reflektiert immer die Zeit, in der sie entsteht.

Sie wurden ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Wann haben Sie angefangen, sich mit dem Thema Krieg zu beschäftigen?
Als mir Anfang der Achtziger jemand ein Eisernes Kreuz geschenkt hat. Ich trage es immer noch, hier ist es. Ich mochte das Design. Adolf Hitler ist mir scheißegal. Dieses Eiserne Kreuz hier stammt aus dem Ersten Weltkrieg.

Das Eiserne Kreuz wurde schon im 19. Jahrhundert verliehen.
Zum ersten Mal 1813.

Ihr Vater war Militärgeistlicher.
Ja, in der Royal Air Force. Aber ich habe ihn nie kennengelernt. Er hat uns verlassen, als ich drei Monate alt war.

Im Song »Marching Off To War« heißt es: »You’ll never understand it, if you weren’t there.« Haben Sie diesen Satz als Kind oft gehört?
Für mich geht es in dieser Zeile um etwas Grundsätzliches. Man kann ein Ereignis nicht wirklich beschreiben. Du musst dabei gewesen sein, um es zu verstehen. Der Krieg war das zentrale Ereignis des 20. Jahrhunderts. Du kannst es nie wirklich nachvollziehen. Absurd wird es aber, wenn die Leute versuchen, sich das nachträglich zurechtzubiegen. Wenn du heute einen Bausatz eines Messerschmitt-Jagdflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg kaufst, fehlt das Hakenkreuz am Heck. Warum? Das ist Teil der menschlichen Geschichte. Du kannst die Geschichte nicht ändern, aber daraus folgt nicht, dass man sie unter den Teppich kehren soll. Das ist doch scheiße.

In vielen Songs stellen Sie eine Verbindung zwischen Gewalt, Sex und Rock’n’Roll her, etwa in »Sex And Death«.
Stimmt, dort habe ich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet: Sex und Tod.

Sie haben sich immer wieder gegen Religion ausgesprochen. Und wenn ich Sie und Ihre Musik richtig verstehe, lautet Ihr Gegenvorschlag Sex.
Sex ist eine Religion.

Sie haben mal gesagt: »Gefickt zu werden, macht mehr Spaß, als Leute zu erschießen.«
In jemandem zu kommen, ist besser, als Löcher in ihn reinzuschießen.

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