Lee Hazlewood

LeeHazlewoodLee Hazlewood ist am Samstag, den 04. August 2007 in Henderson, Nevada gestorben. Der amerikanische Musiker und Produzent erlag nach dreijährigem Kampf seinem Krebsleiden. Er wurde 78 Jahre alt. Hazlewood galt schon zu Lebzeiten als Legende. Nach seinen Anfängen als Radio Jockey und Produzent veröffentlichte er 1963 mit »Trouble is a Lonesome Town« sein erstes Album. Schon ein Jahr später begann er die Arbeit mit Nancy Sinatra, das von Hazlewood für sie produzierte Stück »These Boots Are Made for Walking« machte beide über Nacht weltberühmt. In den späten siebziger Jahren zog sich Hazlewood aus dem Musikgeschäft zurück. Von einem jungen Publikum wiederentdeckt wurde er Ende der Neunziger, auch weil er auf Einladung von Nick Cave ein Konzert in der Royal Albert Hall gab. Mit »Cake or Death« veröffentlichte Hazlewood vor einem halben Jahr sein letztes Album. Das folgende Interview wurde im Dezember 2006 geführt.

Mr. Hazlewood, Sie haben sich nach Las Vegas zurückgezogen, um dort in Ruhe Ihren Lebensabend zu begehen?
    Das ist korrekt.

Warum Las Vegas? Warum die Wüste?
    Das Wetter ist toll hier. Aber der Einkommenssteuersatz hier ist noch besser.

Werden die Einwohner der USA nicht alle gleich besteuert, egal, wo sie leben?
    Nein, dem ist nicht so. In Nevada, Texas, Florida und in Wyoming müssen Sie keine Einkommenssteuer zahlen. Ich habe eine lange Zeit in Los Angeles gelebt, als ich noch präsent sein musste, Kontakte pflegen. Ich hatte dort ein Büro am Laufen. Jetzt lebe ich am Rande von Las Vegas, das ist entspannter. Und mein Büro habe ich jetzt in einem Zimmer in meinem Haus. Wissen Sie, die Wüste um Las Vegas ist keine Wüste wie die Sahara, auf der die Sonne brennt. Es handelt sich um eine Art von Gebirgswüste. Im Moment wächst und gedeiht es hier, alles ist grün. Und die Berggipfel sind von Schnee bedeckt. In meinen Augen ist diese Art von Natur wunderschön! Der Himmel ist meistens sternenklar. Man sieht die ganzen Sternbilder. Ein schöner Ort zum Sterben.

Ist die Wüste auch ein guter Ort, um Songs zu schreiben?
    Keine Ahnung, ich kann Songs überall schreiben.

Brauchen Sie keine Ruhe, wenn Sie schreiben?
    Im Gegenteil.

Sie meinen: Sie haben eine Methode, an die Sie sich halten können, die Ihnen zu schreiben erlaubt, wann und wo Sie wollen?

    Am leichtesten fiel mir das Schreiben von Songs, als meine Kinder noch ganz klein waren und die ganze Zeit herumgetobt sind, Lärm gemacht haben. Als die Kinderchen dann irgendwann größer waren und nicht mehr so laut tobten, fiel mir das Schreiben plötzlich merklich schwerer. Aber auch dann habe ich noch gute Songs geschrieben. Ich musste allerdings irgendetwas im Hintergrund Laufen haben – ein Radio, den Fernseher, irgendeine Art von Hintergrundrauschen brauche ich, um einen Song schreiben zu können. Stille war damals kontraproduktiv.

Und heute?
    Heute ist mir das alles egal.

In Europa nimmt man Ihre Songs als Überwindung der Country-Musik wahr.
    Das mag angehen. Von mir war noch nie ein Song in den Country-Charts. Also, vermute ich mal, habe ich wochl auch noch nie einen Country-Song geschrieben…

Ist das wirklich das Kriterium?
    Keine Ahnung? Es gibt ja tatsächlich eine Reihe von Country-Sängern, die auf meine Songs schwören. Einige von ihnen, darunter Dusty Springfield, haben sogar Songs von mir interpretiert. Einige meiner besten Freunde sind Country-Sänger. Aber ich bin ein Songwriter. Das ist mein Beruf.

Wenn eine Zeitung wie die LA Times Sie als »Amerikas dunkelster Country-Sänger« bezeichnet, dann liegen die also total falsch?
    Nein, das stimmt schon. Wenn Sie die Bläser und die Streicher aus meinen Songs entfernen würden, dann würden die Skelette der Songs wohl Country-Songs sein. Meine Themen waren immer das Scheitern und das Versagen. In Los Angeles bezeichnen sie mich übrigens immer und gänzlich ungeniert als Country-Musiker. In Nashville hingegen hält man mich für einen Popstar.

Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?
    Ich stamme aus einer Familie, die ein Radio besaß. Das lief den ganzen Tag. Meine Mutter liebte Schnulzensänger wie Bing Crosby. Mein Vater hingegen schwor auf Bluegrass-Music. Da damals eine Sendung brav nach der anderen lief und man keine große Auswahl an Sendern gab, gab es auch keinen Streit über das Programm.

Und welcher Sendung haben Sie täglich entgegengefiebert?
    Den Blues- und Modern-Jazz-Programmen. Als junger Mann war Stan Kenton für mich der Größte. Ich wartete geradezu darauf, dass sie wieder einen neuen Song von Stan spielen würden. Tagelang, wochenlang.

Das klingt, als ob das Radio eine zentrale Rolle in Ihrem Leben gespielt hat.

    Aber das ist doch ganz natürlich: Sonst gab es ja nur die Tageszeitungen. Fernsehen und den ganzen neumodischen Quatsch wie Videospiele gab es ja noch nicht. Wer sich nicht langweilen wollte, hörte Musik. Das Radio war die Tür zur Welt. Auf alle Fälle hat es einem im Gegensatz zum Fernsehen, wie wir es heute kennen, nicht vorgegeben, wie man die Welt zu sehen hätte.
Schauen Sie viel fern?
    Die Nachrichten. Warum interessiert es Sie, was ich im Fernsehen gucke?

Stimmt es, dass Sie 1953, während des Koreakriegs, Disc Jockey der US-Armee in Japan und Korea gewesen sind?
    Das ist Bullshit. Das stimmt nicht. Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie an Schund im Internet über mich finden. Alles, was Sie im Internet über micht finden, ist gelogen.

Wollen Sie dieses falsche Gerücht also korrigieren?
    Ich war Disc Jockey in Phoenix, Arizona. Das war’s. Ein abgeschlossenes Kapitel in meinem Leben. Aber ich war nie ein DJ in der Armee.

Aber Sie waren im Krieg, Sie kämpften in Korea?
    Das stimmt. 18 Monate habe ich in Korea gekämpft. Und das hat mir dann auch gereicht. Aber was hat das mit meiner Musik zu tun.

Hätte es vielleicht, wenn das Gerücht gestimmt hätte.
    Hm.

LeeHazlewoodStimmt es, dass Sie in Phoenix für Ihren Kumpel Duane Eddy die ganzen Country-Platten des Senders haben mitgehen lassen?
    »Haben mitgehen lassen«? Sie meinen geklaut?! Meinen Sie wirklich geklaut?! Ich sage Ihnen jetzt mal was: In dem Radiosender haben wir Popmusik gespielt und keinen Country. Trotzdem bekamen wir ständig Schallplatten von den unglaublichsten Country-Musikern zugeschickt. Darunter richtig tolles Zeugs. Da wir keine Verwendung dafür hatten, habe ich Duane Eddy die Platten geschenkt. Die Musik, die er daraufhin geschrieben hat, war tatsächlich stark von diesen Songs geprägt. Aber geklaut habe ich nie in meinem Leben. Ich bitte Sie, dass Sie das klipp und klarstellen.

Ich wollte Sie nicht provozieren, Mr. Hazlewood.

    Sie provozieren mich nicht. Ich habe nur zufällig gerade eine neue Platte veröffentlicht, meine voraussichtlich letzte. Ich habe Krebs. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Auf jeden angenehmen Tag, den ich lebe, folgen zwei unangenehme. Heute ist ein unangenehmer Tag, mir fällt das Reden schwer. Ich würde mich freuen, wenn wir die Geschichten aus der Steinzeit jetzt beenden würden. Können wir nicht über Lebensabschnitte reden, die höchstens zwanzig Jahre zurückliegen?

Selbstverständlich. Sie haben letzte Woche Ihr Album »Cake or Death« veröffentlicht, auf dem Sie unter anderem Duette mit Bela B. von den Ärzten und einer gewissen Dame namens Lula eingesungen haben…
    Richtig. Sie kommt aus Berlin. Bela hat sie mir vorgestellt. Ein charmantes Mädchen. Ich fand die Idee gut, die beiden in Deutsch singen zu lassen – und ich singe in Englisch. Ich habe denen sogar erlaubt, ihre eigenen Texte zu schreiben.

Sie gelten als Perfektionist, Ihre Songs hatten stets perfekt zu sein – warum lassen Sie die Zügel heute schleifen?
    Weil die Songs Nonsense-Songs sind. Sie gehen um nichts. Nur logisch, dass der Song mit Lula »Nothing« heißt – also »nichts«.

Es gibt Philosophen, die ihre Doktorarbeiten über das Nichts geschrieben haben.
    Das ist mir egal. Aber ich verrate Ihnen etwas: Ich habe in meinem Leben drei Mal so viele Songs geschrieben wie von mir veröffentlicht wurden. Wenn mir ein Song nicht gefallen hat – und das taten zwei Drittel meiner Songs nicht –, habe ich ihn weggeschmissen. Hunderte von Songs wurden auf diese Weise zu: nichts.

Sie sind gleich mehrfach in Berlin gewesen, um an Ihrem neuen Album zu arbeiten.

    Berlin ist eine wundervolle Stadt, ich war hier vielleicht ein Dutzend Mal in den letzten zehn Jahren. Was mir an Berlin so gefällt ist die Lautstärke, in der die Menschen miteinander brüllen. Alle Menschen reden sehr laut miteinander. Das gefällt mir. Ich höre ungefragt alles, was sich die Menschen so mitteilen.

Sind Sie schwerhörig?
    Nein, bin ich nicht. Trotzdem gefällt mir Ihre Stadt. Ich finde nichts schlimmer als Unsicherheit; wenn Menschen den Mund nicht aufbekommen.

Für Ihr neues Album haben Sie den Song »The Old Man« geschrieben, in dem es heißt: »Have you seen the old man / He’s ready to go«. Ein Selbstportrait als Abschied?
    Vor ungefähr einem Jahr starb mein Gitarrist Al Casey, der die Melodie zu diesem Song geschrieben hat. Ich habe ihn gemeint, als ich den Song schrieb. Ich mag es, alte Menschen im Park zu beobachten, ich vergesse dann schnell, dass ich selber alt bin.

 

LeeHazlewoodSie waren bereits 65, als Sie Mitte der Neunziger von einer jungen Generation wiederentdeckt wurden.
    Da sprechen Sie einen der glücklichsten Momente in meinem Leben an: Nach Jahrzehnten, in denen ich dachte, dass niemand mehr etwas von mir wissen möchte, von diesen jungen Menschen wertgeschätzt zu werden, das war schon toll! Ich bin dann in der Royal Albert Hall aufgetreten – und ich habe kein graues Haar im Publikum gesehen. Ach, ich fühlte mich frisch und jung. Und wissen Sie, was das Beste war? Diese jungen Leute kannten alle meine obskuren Songs. Die wollten gar nicht »These Boots are Made for Walking« hören, sie wollten Songs wie »Sand« hören.

Fühlten Sie sich wieder gefragt?
    Darum geht es nicht! »Gefragtsein«. »Berühmtsein« – das sind Kategorien, in denen ich nicht denke. Fühlen sich die Menschen unterhalten? Das ist schon eher eine Kategorie, die für mich zählt. Mein Freund Nick Cave hat mich damals in die Royal Albert Hall eingeladen. Das werde ich ihm nie vergessen. Das einzige Problem, das ich mit ihm habe, kann man in einem Satz zusammenfassen: Er ist jung und hübsch. Ich hingegen bin alt und hässlich.

Bitte?
    Das war ein Scherz.

Außerdem sehen Sie doch gut aus: Auf der Hülle Ihres neuen Albums wurden Sie sehr schön von Kevin Cummings fotografiert…

Ja, ja, der Mann versteht sein Handwerk. Aber ich sage Ihnen etwas: Mir haben Fotos noch nie etwas bedeutet. Bilder machen mir Angst, wenn ich ehrlich bin.

Warum?
    Die Menschen erkennen Sie auf der Straße wieder.

Sie hingegen bevorzugen ein ruhiges Leben?
    Ruhig und nett, ganz richtig. Einige Freunde von mir können kein Restaurant mehr betreten, so berühmt sind die. Da werde ich immer traurig, wenn ich das sehe.

Von wem sprechen Sie?
    Mein Freund Elton John etwa: Er ist gezwungen, ein Leben jenseits der normalen Pfade zu führen. Das ist geradezu tragisch. Dieses Schicksal wollte ich nie teilen.

Wann haben Sie die Macht der Bilder das erste Mal begriffen?

    Als ich Frank Sinatra das erste Mal begegnete.

Zufällig – oder im Zuge Ihrer Arbeit mit seiner Tochter Nancy?

    Letzteres. Und doch aus meiner Sicht zufällig. Wir waren verabredet um zu beraten, ob ich der Richtige sei, um seine Tochter zu produzieren. Daraus wurde aber nichts. Seine Frau war da, Nancy war da, wir saßen in der Küche und sprachen über alles Mögliche, aber nicht über die geplante Zusammenarbeit. Als er nach eineinhalb Stunden das Haus verließ, dachte ich, das war’s: Ich habe den Job nicht bekommen. Da hatte ich mich bekanntlich geirrt.

Sie wollten über die Macht der Bilder sprechen …
    In der Küche erlebte ich Frank Sinatra als Daddy, als den Vater seiner Tochter, als den Mann seiner Frau. Ich erlebte ihn privat. Er wollte für seine Tochter das Beste, darum war er besorgt. Gleichzeitig wusste er, dass er zuhause war, im Kreise der Seinen kein Star war. Da fiel mir erst auf, dass der Mann in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle spielte. Ich beschloss: So wollte ich nicht werden. Mir gefiel der private Sinatra besser.

Was machte den privaten Sinatra aus?

    Er hatte einen tiefschwarzen Humor, geradezu sarkastisch. Das gefiel mir. Gleichzeitig liebte er seine Familie, er war ein echter Familienmensch. Das gefiel mir auch. Er war ein Daddy. Wie ich auch.

Hat er sich darüber gefreut, dass Sie Nancy Sinatra so viele Hits auf den Leib geschrieben haben?
    Überglücklich war er – wie jeder Vater, der seiner Tochter Glück, Erfolg und Gesundheit wünscht. Ich brachte den Erfolg, also war Daddy glücklich. Ich meine: Nancy verkaufte damals mehr Platten als ihr Vater!

Hat dieser Umstand Mr. Sinatra beeindruckt?
    Es hat ihn geradezu nachhaltig beeindruckt. Er unternahm ja dann größte Anstrengungen, seine Tochter wieder zu übertrumpfen – und das alte Kräfteverhältnis wiederherzustellen.

Also hörte sein Humor genau hier auf?
    Nein, im Gegenteil! Wenn er Nancy damals Dritten vorstellte, pflegte er stets zu sagen: »Das ist meine Tochter Nancy. Du weißt schon, die mit den ganzen goldenen Schallplatten…« Aber im Hintergrund arbeiteten seine Produzenten auf Hochtouren, dass er einen noch größeren Hit hinbekam.

Ihre größten Hits mit Nancy Sinatra waren alles andere als leichte Kost – Ihre Songs gelten als sehr dunkle, bedrohliche Werke…

    Ehrlich gesagt: Je dunkler und bedrohlicher meine Songs wurden, desto mehr habe ich sie wie Comics betrachtet, wie überzogene Karikaturen.

Sie meinen: Ihre Songs sind so dunkel wie Ihr Humor?
    Ganz genau. Die Leute sollten lachen, wenn es in den Songs dramatisch wird. Wussten Sie, dass übrigens Kinder meine Songs ganz besonders mögen? Ich glaube, dass Kinder intuitiv spüren, dass meine Songs verspielter sind, als die meisten denken.

Warum erzählen Sie das? Sie zerstören das große Mysterium Lee Hazlewood.
    Ich habe Krebs. Der alte Hurensohn bringt mich um. Ich habe mein letztes Album veröffentlicht. Danach kommt von mir nichts mehr. Wenn ich Missverständnisse ausräumen kann, umso besser. Das ist der Grund, warum ich überhaupt noch Interviews gebe: Um die Dinge gerade rücken zu können.

Und der Titel, »Cake or Death« – was hat es mit dem Titel auf sich?
    »Cake or Death« ist ein geflügeltes Wort des amerikanischen Komikers Eddie Izzard, den ich immer im Fernsehen gucke. Ein genialer Mann mit einem genialen Humor. »Kuchen oder Tod«? Ich fragte ihn, ob ich seinen Ausspruch für mein letztes Album benutzen dürfte, da sagte er: »Du wählst also den Tod? Na klar. Good luck.« Ich sage seitdem immer: Manche Tage sind Kuchentage, andere sind Todestage. Heute geht es mir schlecht, heute ist ein Totentag…

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